Wir fangen an bei Riß, Mindel und Günz, den letzten Eiszeiten, die
im erdgeschichtlichen Maßstab nur ein paar Sekündchen zurückliegen?
Oder holen wir etwas weiter aus, 250 Millionen Jahre vielleicht, als
der Großkontinent Pangäa gerade auseinanderzudriften begann, um die
heutigen Erdteile zu bilden? An welcher Stelle wir auch immer das
Buch der Erdgeschichte aufschlagen: Wir finden ein ständiges,
regelloses Auf und Ab. Riesige Landstriche verschwinden von der
Oberfläche der Erde, andere tauchen auf. Meere entstehen und
vergehen. Im frühen Perm etwa bedeckte das von wunderlichen
Kreaturen bewohnte Zechsteinmeer die heutige Nordsee und
Norddeutschland. Doch dieser Vorläufer unseres Hausmeeres hatte
keinen Bestand. Durch wüstenähnliche Klimabedingungen trocknete das
Zechsteinmeer wiederholt aus. Dieserart entstanden die unter der
norddeutschen Tiefebene liegenden gewaltigen Salzlager, die den
Menschen der Gegenwart so begehrenswert für die "Entsorgung" ihres
lebensfeindlichen Mülls erscheinen. Im Verlauf der Trias-Phase war
das Nordseebecken von Gebirgen und Hochländern umgeben, deren
Verwitterungsschutt in die Tiefe geschwemmt und dort abgelagert
wurde. So entstanden mächtige Schichten aus Buntsandstein dem
"Baumaterial" der roten Felsen Helgolands. Das war vor etwa 225
Millionen Jahren. Dann, während die britische Insel wie ein Zahn aus
dem Kiefer Europas herausbrach und nach Westen zu driften begann,
stieß die See erneut in die nördlichen Niederungen vor und bewirkte
über die Ablagerung von Muschelkalk die Sedimentation von
Kreideschichten. Diese, aus winzigen Lebewesen gebildet, wuchsen im
Lauf der Jahrmillionen auf Hunderte von Metern heran, und das
ursprünglich lose Material wurde zu hartem Stein zusammengepresst.
So entstanden die berühmten "Kreidefelsen": Dover, Helgolands "Witte
Kliff", Rügen. Und das Meer, dann auch wieder die Erde, sie hoben
und senkten sich weiter. Mitunter drückte das Salz aus der Tiefe
nach oben so wurde Helgoland "aus der Taufe gehoben", oder Eis band
das Wasser und ließ den Meeresspiegel fallen. Das geschah während
der bewussten Eiszeiten, die jedem Oberschüler ein Begriff sind.
Nicht nur viermal, wie anfangs erwähnt, sondern mindestens achtmal
gab es die Eiszeiten. Die letzte dieser Kälteperioden, die
Weichsel-Eiszeit, endete vor lediglich zehntausend Jahren, als
unsere Vorfahren bereits diese Gefilde bewohnten. Auf dem Höhepunkt
dieser letzten Vergletscherung lag der Meeresspiegel um rund 100 m
tiefer als heute. Weite Teile der gegenwärtigen Nordsee waren
solides, allerdings eisbedecktes Festland. Die Elbe floss im Verbund
mit der Weser westlich von Helgoland vorbei; der Rhein, mit Themse
und Humber als Nebenflüssen, ergoss sich nördlich der Doggerbank ins
Meer. Einer neuerlichen Erwärmung des Erdklimas folgte auch ein
Abtauen der polaren Eismassen und Ansteigen des Meeresspiegels. Die
von Skandinavien kommenden, bis weit nach Deutschland
hineinstoßenden, mächtigen Gletscher hatten das Land flachgehobelt,
bei ihrem Rückzug aber auch enorme Endmoränen und gewaltige
Steinbrocken, die Findlinge, hinterlassen. Aus den Sandmassen der
Moränen entwickelten sich die höher gelegenen trockenen Geestrücken,
das tiefer gelegene Land bildete die feuchten, aber fruchtbaren
Marschen. Doch die Nordsee überflutete in mehreren Anläufen ihr
heutiges Becken. Ab 13.000 v. Chr. wütete der Blanke Hans bereits
wieder über der Doggerbank, und vor etwa 8000 Jahren erreichte die
Nordsee schon ungefähr ihre heutige Küstenlinie. Rund 3000 Jahre
später, bei Durchbruch des Englischen Kanals durch eine alte
Gletscherrinne, erhielt diese dann ihre vorerst gültige, von den
wiederholten Eisschüben abgeplattete Form. Immerhin fünf oder sechs
Meter tiefer lag der Meeresspiegel damals noch. Auch weiterhin
ragten markante Inseln und Höhenzüge aus der Wasserwüste, deren
Reste den Geologen heute als Pisa- oder Amrumbank-Moräne vertraut
sind. Hier entwickelte sich die frühe menschliche Kultur unserer
Breiten unter harten Lebensbedingungen, doch in einer herrlichen
Umwelt mit reicher Fauna und Flora. Vor etwa 5000 Jahren lag
Helgoland wahrscheinlich am westlichen Ende einer Geest-Halbinsel.
Schon ein halbes Jahrtausend später zerbrach diese Brücke, und
Helgoland gewann endgültig seinen insularen Status. Vorher bereits
war die Geestküste Schleswig-Holsteins auf winzige Überbleibsel
reduziert worden. Gewiss werden sich in einem späteren Erdzeitalter
Gebirge recken, wo heute die Nordsee rauscht. In der Gegenwart und
nahen Zukunft hält das Abbröckeln indes noch an ein ernstes Problem
unserer Zeit, von dem in diesem Buch noch wiederholt die Rede sein
wird. Die Ostfriesischen Inseln allerdings sind keine Überreste
dieses ehemaligen Festlandes. Sie entstanden aus Sandbänken, auf
denen der Wind Dünen auf häufte, die durch Pflanzenbewuchs
stabilisiert wurden. Im Laufe der Jahrhunderte wandern diese
bewohnbaren Sandhaufen allmählich immer weiter nach Osten.