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Was lebt im Watt
Der erste Blick ins trockengefallene Watt enthüllt wenig Spektakuläres. Man muss schon etwas genauer hinsehen. Zum Beispiel müssen die Haufen von dünnen Sandwürsten, die sich überall erheben, offensichtlich organischen Ursprungs sein. Mit ein wenig Geduld erkennt man auch ab und zu eine Bewegung in ihnen. Da lebt Schlickkrebs also etwas. Die Haufen sind die Auswürfe des Watt- oder Pierwurms, der das Watt stellenweise mit bis zu fünfzig Exemplaren pro Quadratmeter durchsetzt und für Fisch und Vogel gleichermaßen als leckere Beute gilt. Kleinere "Bauten", Löcher und Trichter sind das Werk von Borsten- und Seeringelwürmem, von winzigen Schlickkrebsen (bis zu 400.000 pro m2), von Herz-, Platt-, Pfeffer- und Sandklaffmuscheln. Eine ruckartige Bewegung im Sand, begleitet von einem Wasserspritzer, verrät eine aufgeschreckte, jäh ihren Saugrüssel zurückziehende Muschel und dem Austernfischer und Großen Brachvogel, dass es hier, nur dünn verborgen, etwas Nahrhaftes gibt. Bei der Sandklaffmuschel müssen allerdings auch sie passen. Bis zu 250 Gramm schwer sitzt sie nämlich fußtief im Boden. Nur der Mensch stellt ihr dort noch nach. An der Oberfläche, vornehmlich dort, wo Steine und Pfahlwerk ein Festhalten erlauben, haben sich in arroganter Offenheit, bis zu 12.000 von ihnen auf dem Quadratmeter, Miesmuscheln angesiedelt mir kann keener. Doch, der Mensch schon. Die Muschelfischerei hat seit Gründung des Nationalparks Wattenmeer zu einigen Kontroversen geführt; man bemüht sich auch weiterhin, Kompromisse zu finden, die allen Beteiligten gerecht werden. Allerdings trägt die Muschel selber auch einige Mitschuld schlicht in Essigsud gekocht schmeckt sie nämlich verteufelt gut! Apropos Essig: Dies ist das geeignete Gegenmittel bei Kollision mit einer sehr unangenehmen und "wehrhaften" Bewohnerin der Nordsee. Die sogenannten Feuerquallen können mit ihren bis zu 5 m langen haarfeinen Tentakelfäden Schwimmern arge Verletzungen durch Nesselgifte zufügen. Zwar gibt es an der Nordsee nur zwei gefährliche Quallen arten, und die sind überdies recht selten. Doch ein guter Pfadfinder ist immer vorbereitet. Abreiben der betroffenen Körperteile mit Essig ist hilfreich. Im schlimmsten Falle mag sogar die künstliche Beatmung eines Opfers notwendig werden, bei schweren "Verbrennungen" durch Quallen ist ärztliche Hilfe also schnellstmöglich zu suchen. Ein kurioses Lebewesen im Watt ist die Seepocke, deren kleine weiße Kegel sich überall dort aledeln, wo es einen einigermaßen harten Untergrund gilt, Treibgut jeglicher Art nicht ausgeschlossen. Logischerweise wird man die festklebende "Pocke" im Reich der Muscheln ansiedeln. Weit gefehlt. Es handelt sich um ein Krebstier, das, geschützt von einem glasharten Chitin panzer und angepappt mit einem ausgesprochenen Megaklebstoff, recht zufrieden und weitgehend feind los vor sich hinlebt. Nur der Mensch mag die Seepocke nicht, denn sie klebt sich besonders gerne an Schiffsböden und nimmt so die Fahrt aus dem Dampfer. Da sind ihm die nächsten Verwandten des Klebtieres, die Hummer und Garnelen schon lieber. Zwischen 20.000 und 30.000 Tonnen Garnelen werden alljährlich in deutschen Nordseegewässern von Krabbenkuttern gefangen eine Zahl, die zunächst erschreckend anmuten mag. Doch der Fischwelt schmecken Garnelen mindestens genauso gut. Man schätzt, dass mindestens das Fünffache der genannten Menge von Fischen gefressen wird. Ein besonders lustiger zu dieser Familie gehöriger Geselle, ein Krabbeltier, das einem häufig auch weit oben auf dem Trockenen begegnet, ist der Einsiedlerkrebs. Er schützt seinen weichhäutigen, verletzlichen Hinterleib, indem er ihn in ein leeres Schneckengehäuse rollt, das er dann immer mit sich herumschleppt. Wächst der Eremit, muss er sich auch ein größeres Haus suchen. Das Tierchen lässt sich schon mal von Menschenhand füttern, wenn ihm die Atzung zusagt. Eltern sollten ihren Kindern aber streng den Versuch untersagen, den "Willi" aus seinem Bau zu ziehen. Er reißt dabei nämlich in der Mitte durch und stirbt. Auch bei Seesternen ist ein autoritäres Wort vonnöten, und nicht nur an die Adresse von Kindern. Zwar ist das symbolträchtigste aller Nordseetiere im Flachwasser relativ selten. Zudem ist der Seestern ein böser Räuber, der mit Vorliebe Miesmuscheln auslutscht. Doch auch er hat seine Lebensberechtigung. Man sollte einen lebenden Seestern nicht "zum Trocknen" mitnehmen, um damit seine Strandburg zu verzieren. Ist er aber bereits einmal mumifiziert, so steht seiner Rolle als Souvenir natürlich nichts im Wege. Von den Fischen des Watts wird auch der aufmerksamste Beobachter wenig zu sehen bekommen, es sei denn, sie treiben tot an den Strand oder sie landen als Fangergebnis auf seinem Teller. Nur gelegentlich kann es einem mal passieren, dass beim Waten im flachen Wasser etwas unter dem Fuß zappelt. Keine Angst das ist dann eine kleine Scholle, die sich eilends davonmachen wird und kein tropischer Stachelrochen, der einen in die Wade sticht. Viel auffälliger für den Menschen als Landlebewesen ist die Vogelwelt des Watts. Für 25 Arten stellt der Watten raum das Hauptbrutgebiet im europäischen Küstenbereich dar, viele weitere sind vertreten, zum Teil als Durchreisende. An erster Stelle stehen Silbermöwen, von denen es wohl an die 70.000 streng monogame Paare gibt, sowie auch Lachund zu einem weit geringeren Anteil Sturmmöwen. Diese Vogelarten, vielfach als charakteristisch für den Nordseeraum angesehen, haben in der jüngsten Vergangenheit stark an Zahl gewonnen. Einmal dadurch, dass die Silbermöwe binnenländische Müllkippen als bequeme Winterversorgungslager "entdeckte", was eine Bestandsvergrößerung zur Folge hatte, andererseits weil, genau umgekehrt, die Lachmöwe, einst ein Inlandsvogel, seit den dreißiger Jahren immer stärker die Inseln besiedelte. Das ging auf Kosten anderer, teilweise stark gefährdeter Arten. Möwen sind von Küstenbewohnern und Vogelkennern deshalb gar nicht so gerne gesehen wie von den Badegästen. Schilder an Bord der Inselfähren "Möwen füttern verboten!" mögen wunderlich anmuten, und es wird nach Kräften "zuwidergehandelt". Doch die Aufforderung hat den Zweck, den Möwen den Status als "fliegende Ratten" zu versagen, wie ihn die Tauben des Binnenlandes schon innehaben. Seeschwalben, Regenpfeifer, Rotschenkel, Austernfischer, Säbelschnäbler, Enten, Gänse alles was in der Vogelwelt der Nordsee Rang und Namen hat, ist auch im Wattenmeer vertreten. Und das rund um die Uhr. Das Kreischen der Möwen verstummt am Abend, denn die Vögel ernähren sich zu einem Großteil direkt aus dem Meer und können nachts zu Bett gehen. Andere viele Arten sind auf das trockenfallende Watt angewiesen und müssen einen gezeitenbedingten Tagesrhythmus einhalten . Im Watt "ist immer etwas los", keineswegs kann man von einer trostlosen und schweigenden Wasser- und Schlickwüste sprechen. Und grün ist's auch. Algen und Tange, archaische Gewächse aus der Urzeit irdischer Lebensentfaltung, bilden mitunter ganze Teppiche, üppig an der Wasseroberfläche wallend oder braungetrocknet und angenehm unter dem Fuß den Strand säumend. Blasentang, von kleinen "Luftballons" getragen, treibt besonders häufig in Fragmenten an, und Kinder vergnügen sich damit, die Blasen mit einem "popp!" zerplatzen zu lassen. Manchmal kauen sie auch daran herum Bubblegum. Macht nichts. Die Praxis ist ungefährlich. Algen und Tange sind in großem Umfang essbar, haben zum Teil sogar Heilwirkung sofern nicht gerade ein besonders saftiger Schub von CKWs und PCBs in die Nordsee eingetragen wurde.
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