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Hotel & Ferienwohnung Nordsee
Nord- & Ostsee
 Bei Aufregungs- und leichten Angstzuständen kann das Wattlaufen nicht genug empfohlen werden< — so zu lesen in der >Deutschen Medizinischen Wochenschrift, Jahrgang 1899, als die Managerkrankheit noch nicht erfunden war. Die gesundheitliche Bedeutung des Wattwanderns in unserer Zeit liegt auf der Hand beziehungsweise in den Füßen. Doch ich wandere nicht in erster Linie aus medizinischen Gründen durchs Watt — obwohl ich seine Heilfaktoren natürlich gerne auf mich einwirken lasse —, sondern schlicht und einfach, weil' s mir Spaß macht. Und deswegen wandere ich am liebsten im ausgedehntesten deutschen Watt vor Cuxhaven. Links die Silhouette von Neuwerk mit dem massigen Leuchtturm, zu dem die hochrädrigen Pferdewagen weniger energiegeladene Wattliebhaber karren, rechts Cuxhavens Wahrzeichen, die Kugelbake, an der es einem lokalen Spruch zufolge um die Ecke nach Amerika geht, weit hinten die großen Schiffe, Kurs Hamburg und Nord-Ostsee-Kanal oder aber in entgegengesetzter Richtung offene See, um die Ecke Amerika oder geradeaus nach Skandinavien—das ist die spärliche und doch immer wieder fesselnde Kulisse meines Wanderreviers. In der Nähe die in den Grund gesteckten Büsche und Priggen, mit denen die wichtigsten Wege markiert, Verzeihung, ausgebakt sind — Wege freilich, an die ich mich nicht wie an Land (Land?) penibel zu halten brauche. Nichts hindert mich, ein paar Grade weiter nach Osten oder Westen zu marschieren, federnd über das Schlickwatt, das noch von einem feinen Film Wassers bedeckt ist, fest und stetig über das Sandwatt. Nur pünktlich umkehren muß ich. Denn das ist die Tücke des Watts: Die Flut rückt nicht beim Wiedereinsetzen beständig draußen von der Wattkante, wo die tiefe See beginnt, wie eine Armee gegen den Strand vor, sondern schleicht sich durch die Priele heimlich ins Watt hinein und schneidet deshalb dem verspäteten Heimkehrer den Weg ab. Nur keine Angst! In den zum Wattwandern geeigneten Badeorten werden die ungefährlichen Zeiten überall bekanntgegeben, und es genügt, wenn man sich vorher darüber informiert und natürlich eine Uhr mitnimmt. Wer noch mehr auf Nummer Sicher gehen will, kann an geführten Wattwanderungen mit naturkundlichen Erklärungen teilnehmen — oder an dem Ringelpiez, den die Kurverwaltungen mit Hilfe ihrer Kurkapellen veranstalten. Da geht es mit Tschingderassabum hinaus an die Wattkante, wo, einer Äquatortaufe ähnlich, Urlauber, die sich freiwillig dazu gemeldet haben, mit eingeseiften Gesichtern die Wattwürde und so ehren- volle Namen wie Taschenkrebs oder Prielwurm verliehen bekommen. Natürlich ist auch der Strandfotograf zur Stelle, und die fertigen Fotos können dann zwei Tage später in der Drogerie an der Promenade abgeholt werden — zusammen mit denen vom Kurkonzert, vom großen Ball im Kurhaus und vom abendlichen Lichtbildervortrag in der Aula des Gymnasiums Hummerfang vor Helgoland. Das Wattwandern als gesellschaftliches Ereignis ist fest ins Feriengeschehen der deutschen Nordseebäder einbezogen. Denn mit dem Marsch zur Wattentaufe, mit Wettbewerben und Spielen wollen die Kurverwaltungen ihre Gäste klammheimlich ins Watt hinauslocken, damit sie in den Genuß aller seiner aufgezählten positiven Faktoren kommen. In Büsum hat man dafür ein einprägsames Motto parat: Spielend gesunden. Aber so amüsant es auch anzusehen sein mag, wenn der Wattenpräsident mit einem bunten Blumenstrauß als Zeichen seiner Würde vor der in Großvaters Ringelbadeanzüge gekleideten Kur- kapelle und der munteren Urlauberschar ins Watt einmarschiert, so lustig es auch ist, die Landschaft auf Zeit von Hopsen und Tanzen und Springen erfüllt zu sehen — am liebsten wandere ich allein über den grauen Meeresboden. Vom weißen Strand aus betrachtet sieht er auf den ersten Blick gar nicht schön aus und trägt einem aufs Schwimmen Versessenen sicherlich manche zeit- lich begrenzte Qual ein. Das Watt ist gewiß ein Stück Erde, das seine Eigenheiten und Reize erst bei näherem Hinsehen offenbart, das seine Schönheiten nicht dramatisch vor dem Betrachter aus- breitet wie das Hochgebirge, sondern das langsam erobert werden will — mit den Augen und der Nase, mit dem Gespür für außergewöhnliche Dimensionen und für das Wechselspiel von Ebbe und Flut. Und mit den Füßen, den bloßen. Selbst die Möwen lieben es, im Schlickwatt durchs seichte Wasser zu watscheln, anstatt darüber hinwegzufliegen. Und wenn dann die Gezeiten so günstig liegen, daß man an einem wolkenlosen Abend Wattwandern kann, wenn bei Neuwerk die rote Sonne im Meer versinkt und am Himmel die bleiche Sichel des Mondes blinkt (genau gesagt: über Cuxhaven-Döse), wenn im Gegenlicht jeder einzelne Wattrippel zu einem glänzenden Dukaten wird — dann trägt man ein Urlaubserlebnis nach Hause, das in Deutschland seinesgleichen sucht. Vor Jahren fuhr ich mit einem Kreuzfahrtschiff von Cuxhaven aus >um die Ecke nach Amerika<. Die Kapelle an Deck spielte fröhli- che Abschiedsweisen, frohgestimmte Urlauber, die sich auf die geruhsamen Tage auf dem Atlantik freuten, standen an der Reling. Als wir an der Kugelbake vorbeikamen, blickte ich versonnen auf die Häuser und Hotels von Duhnen und Döse und sagte: »Jetzt da draußen Wattwandern — das wäre schön!« Meine Reisegenossen wandten sich kopfschüttelnd ab und dem Bordleben zu.
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