Gegen 700 n.Chr. landete der Heilige Willibrord auf einer
Missionsreise im damaligen "Forsetisland" an und versuchte erfolglos
dessen Bewohner zum Christentum zu bekehren. 87 Jahre später nahm
Liudger von Münster einen neuen Anlauf. Ihm gelang die Konversion,
und er war es, der die erste Kirche auf der Insel baute. Ab 800
taucht der Name Heiligland auf, unter dem die Insel fortan bekannt
blieb. An früherer Stelle wird in diesem Buch bereits Bezug auf die
erdgeschichtliche Entstehung der Nordseeinseln genommen. Der Faden
sei hier ungefähr zu einem Zeitpunkt weitergesponnen, als St.
Willibrord dort seinen Fuß an Land setzte. Zwar war Helgoland
damals, vor 1200 Jahren, schon lange vom Festland getrennt, doch es
war immer noch ein großes Territorium. Bereits in der Jungsteinzeit
(3000-1800 v.Chr.) hatte es hier Menschen gegeben, und in den
folgenden tausend bronzezeitlichen Jahren muss es sogar,
Ausgrabungen zufolge, zu einer gewissen Blüte gekommen sein. Noch in
diesem Jahrhundert gingen manche Gelehrte so weit, in den
untergegangenen Landesteilen das sagenhafte Atlantis zu vermuten.
Auch der Husumer Kartograph J. Meier hatte im 17. Jahrhundert
versucht, die Konturen des alten Heiliglandes um 800 zu
rekonstruieren. Ob die dabei entstandene Karte aber nur entfernt der
Realität entspricht, ist fraglich. Sicher ist, dass Helgoland, wie
alle Nordseeinseln, durch den steigenden Meeresspiegel ständig an
Substanz verlor. Die erste relativ wahrheitsgetreue Karte wurde 1325
von einem Genuesen verfertigt und zeigt ein erheblich geschrumpftes
Eiland, und als Herr Meier anno 1649 die aktuellen Verhältnisse
aufzeichnete, entstand ein Inselbild, das dem heutigen sehr ähnlich
sieht. Zwar war Helgoland zu jenem Zeitpunkt noch etwa viermal so
groß wie heute. West- und Ostteil waren über eine Landbrücke
verbunden; auf der heutigen Düne erhob sich das Witte Kliff, ein
mächtiger Kreidefelsen. In vielen Aspekten mag es damals wie auf
Rügen ausgesehen haben. Doch der Abbau setzte sich pausenlos fort.
Nicht nur durch das Nagen der See, auch der Mensch half nach. Große
Mengen von Muschelkalk, wichtige Teile des Inselfundaments, wurden
abgegraben und als Baustoff zum Festland verschifft. 1711 versank
das Witte Kliff, doppelt unterhöhlt, während einer gewaltigen
Sturmflut in der See. Die dünne Landbrücke wurde ein paar Jahre
später ebenfalls endgültig hinweg gespült. Helgoland war jetzt
zweigeteilt. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts nennt eine Hamburger
Urkunde Helgoland einen Zufluchtshafen bei stürmischer See und
beschwert sich gleichzeitig über einen dänischen Ritter, der die
Insel in ein Seeräubernest verwandelt hatte. Dänen und Piraten:
Dieses Duo macht in den Helgoländer Annalen immer wieder von sich
reden. 1231 bereits weist das "Erdbuch" König Waldemars II. auf eine
frühe dänische Bindung hin. In der zweiten Hälfte des 14.
Jahrhunderts nisten sich die Vitalienbrüder dort ein, bis sie 1402
von den Hamburgern vertrieben und geschlagen werden. 1684 sind die
Dänen wieder am Zuge, zwar nur fünf Jahre lang, aber 1714 sind sie
erneut da, diesmal bis 1807. Jetzt wird Helgoland englisch. 1849
kabbeln sich Dänen und Deutsche wieder einmal vor Helgoland. Wer
immer gerade seine Fahne auf der Insel flattern ließ: Den Halunnern
so der friesische Name der Eingeborenen machte es wenig aus.
Bestimmt hatten sie hier und dort ein bisschen mitpiratisiert. Doch
ansonsten gingen sie dem Heringsfang nach, der besonders im 16.
Jahrhundert sehr ergiebig war, später wurde der Schellfisch zur
Haupteinnahmequelle. Auch waren die Insulaner sehr tüchtige Lotsen
und als solche an der ganzen deutschen Nordseeküste begehrt. Für die
Dauer der napoleonischen Kontinentalsperre gedieh das britische
Helgoland zum bedeutendsten Warenumschlagplatz Nordeuropas. Es wurde
geschmuggelt auf Deubel komm raus; auf der Insel begannen sich die
ersten Anzeichen von Neureichtum bemerkbar zu machen. Doch dies war
eine Scheinblüte, wie sich bald herausstellen sollte. Mit der
Niederlage Napoleons im Jahre 1814 ging es mit Helgoland wieder
wirtschaftlich bergab, unter anderem auch, weil die Seehäfen an Ems,
Weser und Elbe nach dem Abzug der Franzosen ihr eigenes Lotsenwesen
aufzubauen begannen. Die Helgoländer Lotsen waren nicht mehr
gefragt. Außerdem war die Insel ja englisch, also Ausland. Selbst
die Helgoländer Fischer hatten jetzt Schwierigkeiten, ihre Fänge auf
dem Festland abzusetzen. In dieser Situation, man schrieb das Jahr
1826, kam ein Insulaner namens Jacob Andresen Siemens auf die kühne
Idee, ein Seebad zu gründen, um die Kassen wieder klingeln zu
lassen. Der Gedanke fasste Fuß, die ersten "Kurgäste" traten in
Erscheinung. Maler und Dichter begannen, die Schönheit der Insel zu
preisen. Heinrich Haffmann von Fallers leben dachte sich 1841 dort
das Deutschlandlied aus, das 1922 zur Nationalhymne wurde. Auch
Fried rieh Hebbel und Heinrich Heine machten sich für das Eiland
dichterisch stark. Der letztere, von daheim offenbar nicht sehr
verwöhnt, empfand, "das Meer rieche wie Kuchen". 1905 mußten sich
bereits 27000 Badegäste diesen Kuchen teilen. Da war Helgoland auch
schon deutsch. Am 10. August 1890 hatte Kaiser Wilhelm II. die Insel
feierlich in Besitz für das Deutsche Reich genommen. Dafür wurden
den Briten Kolonialrechte in Afrika sowie die Schutzherrschaft über
Sansibar eingeräumt. Helgoland wurde dem preußischen Staat
einverleibt und der Provinz Schleswig-Holstein zugeteilt, zu der
provinziell ist es dort ja eh geblieben die Insel heute noch gehört.
Schon vierundzwanzig Jahre nach der Einverleibung mussten die
Halunner die Insel wieder räumen der 1. Weltkrieg hatte begonnen.
Kriegsbelange gingen vor. Helgoland war ja mit der alleinigen
Absicht erworben worden, den Felsen zu einer Seefestung auszubauen,
die die deutsche Nordseeküste schützen sollte. In den Jahren 1908
bis 1916 schusterte das Reich über 40 Millionen Mark in das maritime
Fort. Der Helgoländer Hafen wurde massiv ausgebaut und die ersten
wirksamen Schutzmaßnahmen gegen den Ansturm der See getroffen. Der
Krieg zerschmiß alles wieder in Trümmer. Bei ihrer Rückkehr nach
Kriegsende fanden die Insulaner eine Wüste vor. Doch bald kam der
Fremdenverkehr erneut in Schwung. Bäderdampfer nahmen wieder Kurs
auf die rote Hochseeinsel. Und bald, 1934 bereits, wurde unverzagt
von neuem aufgerüstet. Die kaiserlichen Kasematten, wegen lascher
Durchsetzung der Versailler Vertragsbedingungen teilweise heil
geblieben, wurden zu weiträumigen Bunker- und Tunnelsystemen
ausgebaut, die Hafenanlagen zur Aufnahme von größeren Kriegsschiffen
und U-Booten vorbereitet. Das Oberkommando der Kriegsmarine entwarf
1937 ein großangelegtes Hafenkonzept für die Insel, die sogenannte
Hummerschere. Danach sollte der alte Felssockel rund um Helgoland
und Düne als Fundament für Molen und Uferbefestigungen genutzt
werden; die beträchtlichen Zwischenräume wollte man aufspülen. Die
Arbeiten begannen ohne Verzug. Allein 440.000 Kubikmeter Beton
wurden auf das unschuldige Eiland gegossen, 32.000 Tonnen Stahl
verbaut. Kurz vor dem 2. Weltkrieg glich die Insel einer einzigen
Großbaustelle. Der lärmende Betrieb, die militärische Präsenz, nicht
zuletzt auch die antisemitischen Verbotsschilder, die der damalige
Bürgermeister in Aufbruchsstimmung am Anleger aufstellen ließ, das
alles verleidete den Liebhabern Helgolands die Insel. Dafür kamen
massenweise KdF-Touristen. Gut hundert Jahre nach ihrer Gründung als
Seebad erlebte die Insel ihre erste Tagesgastinvasion. Mit
Kriegsbeginn erlosch jäh jedes Strand- und Badeleben. Bis auf die
wehrfähigen Männer verblieb die Bevölkerung vorerst auf der Insel,
auch Fisch- und Hummerfang wurden weiter ausgeübt. Da Helgoland
fernab der umkämpften Fronten lag, war der Felsen strategisch nicht
von großer Bedeutung und für die Alliierten zunächst kein
Angriffsziel. Im Frühjahr 1943 nahmen amerikanische Bomber jedoch
erstmals Kurs auf die Insel. Weitere Luftangriffe folgten.
Helgolands Bevölkerung, die in den verzweigten Stollen die
Bombardements überlebt hatte, musste wieder einmal evakuiert werden.
Auf 150 Ortschaften auf dem Festland verteilt, waren die Halunner
diesmal dazu verdammt, sieben lange Jahre auf ihre Heimkehr zu
warten. Während der letzten Kriegsjahre hatte sich auf der Insel
eine Widerstandsbewegung gebildet. Die Gruppe wollte Helgoland am
18. April 1945 kampflos an die Engländer übergeben. Die geplante
Aktion flog indes durch Verrat auf, die Mitglieder der Bewegung
wurden erschossen. Am Mittag des gleichen Tages unternahmen nahezu
1000 alliierte Flugzeuge drei Großangriffe auf die Insel. Nach knapp
zwei Stunden lag Helgoland ausgebombt in Schutt und Asche. Wenige
Tage nach der deutschen Kapitulation wurde der Trümmerhaufen an die
englischen Streitkräfte ausgeliefert.In der Folgezeit setzten die
Engländer alles daran, die Insel endgültig von der Seekarte zu
tilgen. Die vorgesehene Radikalkur tauften sie "Operation Big Bang".
1947 wiederum an einem 18. April lösten sie die bislang größte
nichtnukleare Sprengung der Geschichte per Fernzündung aus. Fast
7000 Tonnen Sprengstoff flogen mit einem Schlag in die Luft. Doch
die Insel blieb bestehen, wenn auch schwer angeschlagen. Der über
200 Millionen Jahre alte Buntsandsteindeckel des Oberlandes wurde
durch den Urknall unmerklich angehoben, während der gewaltige
Explosionsdruck durch das Schichtgestein zur Seite hin weitgehend
entweichen konnte. Zusätzlich federte ein unterhalb des Inselmassivs
gelegener Salzstock die Sprengwirkung ab. Trotz des verpufften Big
Bang hatten sich große Teile Helgolands in eine bizarre
Kraterlandschaft verwandelt. Auch gab es jetzt nicht mehr nur ein
Ober- und Unterland, sondern durch den Gesteinsschutt auch ein
"Mittelland". Eine weitere Großsprengung gab den Trümmern den Rest.
Danach bestimmte England die Insel zum Bombenabwurfziel für die
britische Luftwaffe. Die Sprengungen hatten bereits heftige Proteste
ausgelöst, insbesondere seitens der Halunner. Die Bombardements
ließen die Einsprüche zur Lawine anschwellen, welche die englische
Regierung zunehmend unter Druck setzte. Nach einer spektakulären
Besetzungsaktion durch zwei Heidelberger Studenten im Dezember 1950
und diplomatische Verhandlungen der Adenauer-Regierung wehte ab März
1952 die Bundesflagge über der Insel. Im gleichen Jahr lag auch
schon der erste Bäderdampfer wieder vor Helgoland. Der Neuaufbau
lief auf vollen Touren. Mitte der sechziger Jahre war das modernste
Seebad der Deutschen Bucht zu hundert Prozent im Geschäft.