Es dauerte nicht lange, bis die Halunner erste Früchte ernten
konnten: Im Tagestourismus erlebte das Eiland zu Beginn der
siebziger Jahre einen wahren Boom. Über 820.000 Tagesgäste landeten
1973 auf Helgoland, mehr als 2000 pro Tag. Fast alle kamen mit dem
Schiff, nur wenige mit dem Flugzeug. Gleichzeitig registrierte die
Kurverwaltung nicht weniger als 415.000 Übernachtungen von
Dauergästen. Seit diesen fetten Jahren hat sich am äußeren
Erscheinungsbild der Insel wenig geändert. Investiert wurde wenig;
die Gäste kamen auch so. Eine erste Quittung für das perspektivlose
"Streben nach der schnellen Mark" 0-Text der Kurverwaltung folgte
auf dem Fuße. Die Vermieter mussten immer stärkere Einbußen
hinnehmen. Gegenüber dem Boomjahr 1973 sank die Zahl der
Übernachtungen bis 1987 um 40, die der Tagesgäste um 44 Prozent.
Aufgeschreckt durch diese dramatische Fehlentwicklung hatte die
SPD-Opposition im Kieler Landtag wenig später eine Untersuchung
beantragt, deren Ergebnisse im Herbst 1988 vorlagen. Sie besagten
unter dem Strich, dass Helgoland einem schon lange nicht mehr
anspruchslos dahin konsumierenden Reisepublikum für Zuviel Geld zu
wenig böte und im Begriff stand, sich auf dem gleichen Kurs ins
touristische Abseits zu manövrieren.
Dieser zweite Big Bang zeigte mehr Wirkung als der erste. Der Kurs
ist seither radikal geändert worden. Man hat sich neue Ziele
gesteckt, bei deren Realisierung, so die Kurdirektion im Januar
1993, "Helgoland sich nun sicherlich bald mit Sylt und Amrum
vergleichen lassen kann." Dem Rat der Expertise folgend, wurde der
Insel auch ein neues Image verpasst. Helgoland wird jetzt primär als
"Naturerlebnis" und märitime Erholungs-Oase angeboten.
Anerkanntermaßen gilt Helgoland als staubund pollenärmster Ort der
Republik. 70 km ist das nächste Land entfernt, kein Kraftfahrzeug
pestet auf der Insel. Das spärliche Gras des Oberlandes wird von
Schafen kurz gehalten, um auch das letzte Pollenpartikel zu
vernichten. Allergiker finden hier Befreiung, Naturfreunde ihr
kleines Paradies.
Da kommt nun allerdings dieses Wörtchen zum Tragen: klein. Das
Naturerlebnis Helgoland muss schon aufgrund räumlicher
Beschränkungen ein kleines bleiben. Die Insel ist 0,95 km2 groß (die
Düne 0,7), in einer halben Stunde bequem zu umwandern. Die von
riesigen Besucherscharen betrampelte einstige Großbaustelle und
Bomberzielscheibe bietet allenfalls ein Natürchen. Kein Platz auch
für Liebhaber insularer Einsamkeit; ein Robinson muss das Eiland mit
vielen Freitagen teilen. Dennoch werden Helgoland-Fans die felsigen
Gestade auch weiterhin gegen die lieblichsten Palmenstrände zu
verteidigen wissen. Helgoland hat ein gewisses Flair, das Sylt und
Amrum nicht besitzen und das schwer einzuordnen ist: vielleicht die
nie ganz verlorengegangene Aura einer uralten Sakralstätte. Zum Reiz
des kleinen Abenteuers trägt auch Helgolands zollfreier Status bei,
ein Relikt aus dem glorreichen Zeitalter der Libertinage. Die Insel
ist Zollfreigebiet, was heißt, dass man sich selbst bei kurzem
Aufenthalt ohne lästige Abgaben mit allerlei Konsumgütern günstig
eindecken kam. Allerdings in gewissen Grenzen. Raucher- und
Trinkerherzen schlagen auf Helgoland höher, denn die respektive
Suchtstoffe sind einigermaßen billig. Günstig angeboten werden auch
Schmuck und Uhren. Bei anderen Waren darf man sich aber auch im
Kaufrausch den Blick nicht trüben lassen. Vieles in der Rubrik
"Duty-free" ist erheblich teurer als auf dem Festland. Nur allzu
verständlich, denn von dort wurde es ja höchst aufwendig auf die
Insel gekarrt. Und wer schleppt schon "5 kg Butter, 1 Tierkörper
Geflügelfleisch", ein Kilo "Pflaumen in Armagnac" oder einen
Doppelliter Met mit nach Haus Artikel, die säuberlich in der
Zollbestimmung verzeichnet sind? Das eine oder andere Schnäppchen
lässt sich auf Helgoland schon machen, aber nicht das ganz große
Geschäft. Denn bei der Abfahrt vom Eiligen Land steht immer der Mann
von der Zollstelle an der Pier. Er sieht zwar nie besonders scharf
hin aber dass er auf einem Auge blind wäre wie weilend Nelson vor
Kopenhagen, darauf ist kein Verlass.