Die Geschichte der Nordsee
Schon der Grieche Strabo beschrieb die Nordseeküste und ihre
Bewohner. Der Römer Plinius d. Ä. wunderte sich als erster über das
Wattenmeer mit seinen Gezeiten. Tacitus spendet den Küstenbewohnern
Lob und beschreibt ihre Boote als "leichte Kähne, die sich aber zu
Plünderungsfahrten eignen". Er berichtet auch von den Häuptlingen
Verritus und Malorix und deren Reise zum Kaiser Nero in Rom, wo sie
keck wie Asterix und Obelix Ehrenplätze im Theater beanspruchen,
"denn niemand übertrifft an Tapferkeit und Treue die Germanen". Das
waren damals an der Küste die Chauken und die Friesen, vor allem die
letzteren. Ihr Ursprung ist wahrscheinlich in den heutigen
Niederlanden zu suchen, von wo sie sich entlang der Marschküsten in
Richtung Osten und Norden ausbreiteten. Dort fanden sie weitgehend
unbewohntes Land vor, Land, das den Launen der Nordsee ausgesetzt
war und auf dem niemand leben wollte. Um 700 n. Chr. entstand das
friesische Großreich unter König Radbod. Ein halbes Jahrhundert
später begann auch hier das Christentum Einzug zu halten was den
Friesen zunächst überhaupt nicht in den Kram passte. Der große
Missionar Bonifatius starb 755 in Dockum (Ostfriesland) den
Märtyrertod. Bonifutius jedenfalls gebührt der Ruhm, das
widerspenstige Volk unter das Kreuz der Christenheit geführt zu
haben. Im Jahre 785 wurden die friesischen Gebiete Teil des
Frankenreiches unter Karl dem Großen. Gleichzeitig setzte auch eine
stärkere Besiedlung des heutigen Nordfriesland von Westen her ein.
Die Dickköpfe unter den Friesen, und sie hatten offenbar nicht
wenige davon, verließen ihre alte Heimat, um sich der Herrschaft des
deutschen Kaisers und dem Einfluss des Christentums zu entziehen.
Sie siedelten sich auf den Geestinseln Sylt, Föhr und Amrum sowie
auch auf Helgoland an, wo sich noch geringe Reste eines verwandten
Volkes, der Angeln, befanden, deren Hauptzahl zuvor nach England
abgewandert war. "Fri.ria non cantat," lästerten bereits die Römer
in Hinblick auf die karge Subsistenzkultur der Küstenbewohner, "in
Friesland singt man nicht." Man hatte dort auch gar keine Zeit zum
Trällern, denn es gab Vordringlicheres zu tun. Im 9. Jahrhundert
erhoben sich die friesischen Behausungen noch auf sogenannten
Warf(t)en oder Wurten, menschengemachten Erdanhäufungen, um die See
"außen vor" zu halten. Doch das "Mare Oceanum Germaniae" kroch
weiter empor, weil sich die Küste unmerklich senkte. Zwar waren die
Häuser auf den Warften zunächst noch einigermaßen sicher. Aber der
Getreideanbau und damit die Grundernährung wurde durch immerwährende
Überflutungen zunehmend in Frage gestellt. Es galt etwas zu
unternehmen. Der Deichbau an der deutschen Nordseeküste begann um
das Jahr 1000. Er wurde vom ganzen Volk, nicht vom Einzelnen,
unternommen und stellt ein stolzes Kapitel in der Geschichte der
Küstenbewohner dar. "Wer nicht will deichen, muss weichen!", hieß
es: Wer sich nicht am Deichbau beteiligte, flog aus der
Volksgemeinschaft. In seinem "Schimmelreiter" schildert Theodor
Storm, wie unerbittlich es auch noch Jahrhunderte später am Deich
zuging. "Gott schuf das Meer, der Friese die Deiche", klingt es
heute an der Küste. Im Hinblick auf das Jahrtausendwerk, an dem
immer noch gearbeitet wird, werden muss, kann man sich ein bisschen
Selbstbewusstsein auch ruhig leisten. Das hat man eigentlich immer
gehabt, dort, "wo Ebbe herrscht und Flut". Die Friesen auf ihrem
buchstäblich selbsterrungenen Land haben sich nie etwas dreinreden
lassen. Das hatte schon Karl der Große anerkannt, der ihnen
Sonderrechte einräumte, und das mussten auch andere hinnehmen, die
sich bei den vermeintlich tumben Schlickschauflern blutige Nasen
holten. Im 13. Jahrhundert gründeten die Friesen den
Upstalsboomverband, eine der Schweizer Eidgenossenschaft nicht
unähnliche Vereinigung. "Thiu forme urkere aller Fresena is thet hiu
ense a jera to gadera kome to Upstalsboma die erste Kür aller
Friesen ist, dass sie einmal im Jahr beim Upstalsboom
zusammenkommen", war der Grundsatz dieses urgermanischen Things. Das
bodenständige Motto trug zu jahrhundertelangem Zusammenhalt bei. In
vieler Hinsicht herrschten im Friesenland bereits mustergültige
demokratische Verhältnisse, als es überall sonst in Europa noch
drunter und drüber ging. Alles Auswärtige war den Friesen daher auch
zutiefst suspekt. Man blieb, schon aus Gewohnheit, unter sich. So
hielt auch das Industriezeitalter nie Einzug; an den Deichen
herrschte permanente Ebbe. Während es im übrigen Deutschland boomte,
blieb man in Friesland arbeitslos. Und während es in anderen
deutschen Landen allmählich immer demokratischer und sozialer wurde,
vollzog sich im Friesischen genau das Gegenteil: Fast bis in die
jüngste Neuzeit hat sich dort ein geradezu penetrantes Junkertum
erhalten, das an der Rückständigkeit breiter Volksschichten einen
nicht unbeträchtlichen Anteil hatte. Aber die Zeiten ändern sich.
Angesichts eines neuen, durch den Massentourismus an die Küste
geschwemmten Wohlstandes wird es vielleicht eines Tages heißen:
"Frisia eantat.