Was Theodor Storm als ein "Gären des Schlammes" bezeichnet, ist in
Wahrheit das Wuseln unzähliger Kleintiere. Kaum ein anderes
Biosystem hat eine derart große Biomasse aufzuweisen wie das
Wattenmeer. In einem Fingerhut Watt findet sich eine Million
Algenzellen, an die 40.000 Kleinkrebse bevölkern einen Quadratmeter
Schlick. Dieser Außergewöhnliche Lebensreichtum gedeiht auf einem
trockenfallenden Meeresboden, der bei jeder Tide aufs neue mit
Sedimenten und Nährstoffen versorgt und der durch vorgelagerte
Inseln geschützt und erhalten wird. Paradoxerweise tragen nämlich
die Eilande der Nordsee durch eigenen Substanzverlust zur Existenz
der Watten bei des einen Tod, des anderen Brot. Es ist diese
einzigartige Konstellation, die zum Werden und Bleiben des Watts
führte: Ein wildes Meer, Inseln mit viel Abbausubstanz, relativ
langsame Gezeitenströmungen, die das Aufgespülte nicht wieder
fortwaschen. Zwar gibt es auch anderswo in Europa Wattgebiete, in
Irland und an der Algarve zum Beispiel, und in Übersee noch viel
mehr. Doch die an der Nordsee herrschenden Verhältnisse findet man
nirgendwo anders. Das Nordseewatt nimmt insofern weltweit eine
einsame Spitze ein. In der ständig regenerierenden Urbrühe der
Watten, die dem Betrachter bei flüchtigem Hinblick eher als tote
Schlickwüste erscheinen mögen, wimmelt es von Leben. Hier beginnt
die marine Nahrungskette mit mikroskopisch kleinen Kieselalgen; am
Ende der vielfältigen tierischen Erscheinungsformen steht Großfauna
wie der Seehund. Hier auch ist die Kinderstube zahlreicher Fisch-
und Schalentierarten, die unverzichtbar für die menschliche
Ernährung sind. Gleichzeitig ist das geschützte Wattenmeer Europas
größtes Vogelreservoir und seine Übergangsgebiete zum Land
(Salzwiesen, "Heller", Strände, Dünen und Deichvorländer mit Prielen
und Flussmündungen) ein Hort seltener Pflanzenarten, in dem wiederum
bis zu 2000 Spezies von Kleingetier leben.