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Nord- & Ostsee

Als der liebe Gott die Welt verteilte, schenkte er uns Deutschen eines der landschaftlich schönsten Stücke Europas, mit schneebedecktem Hochgebirge, waldreichen Mittelgebirgen und sattgrünem Tiefland, mit stattlichen Flüssen und anmutigen Bächen. Nur hinsichtlich der Nordseeküste zeigte er sich geizig. 350 angewinkelte Kilometer von Sylt bis zum Dollart, das war alles, was er uns zugestand, so daß Kaiser Wilhelm über das Nasse Dreieck klagte, in dem er mit seiner mächtigen Kriegsflotte gegenüber dem Rivalen England wie in einer Mausefalle saß. Heute ist uns dieser strategische Gesichtspunkt Gott sei Dank egal. Geblieben ist unser, gemessen an den Gestaden Hollands, Frank- reichs, Spaniens, Italiens oder Griechenlands, dürftiges Angebot an salzhaltiger Meeresküste. Indessen muß dem lieben Gott, nachdem nun an der Verteilung nichts mehr zu ändern war, der Fehler aufgefallen sein. Denn um ihn wieder gutzumachen, schenkte er uns einen derart flach abfallenden Nordseestrand samt so ausgeprägter Gezeiten, daß beides im Verein uns eine zusätzli- che Landschaft auf Zeit beschert, von der wir bei Ebbe zweimal innerhalb von vierundzwanzig Stunden vorübergehend Besitz ergreifen können: das Watt. Und wie gerne ergreife ich von dieser einzigartigen, eigenwilligen Landschaft, der meine stille Liebe gilt, Besitz! Die Landschaft, die ein unglaublich befreiendes Gefühl der Weite und Freiheit vermittelt und wegen des Fehlens raumbegrenzender Linien alles ins Gegenteil verkehrt: Die Schiffe kriechen am Horizont wie Ungetüme entlang, eine wenige Meter entfernte Möwe dagegen schrumpft vor der schier endlosen Masse Hintergrund zur Größe einer Ameise. Die Landschaft, die eigentlich nur aus Boden besteht. Freilich — aus was für einem, vom großen Bildhauer Meer modellierten Boden! In langen Wellen liegen die Riffelungen oder Rippeln des Sandes, dann wieder in kurzen Kerben, verziert mit den geringelten Häufchen, die der Watt- oder Prielwurm knapp unter der Oberfläche maulwurfartig in die Höhe befördert. Dazwischen wieder die napfartigen Vertiefungen, unter denen die Sandklaffmuschel lebt und durch die sie bei Flut dem Seewasser Sauerstoff und Plankton entzieht. Und dazwischen die Priele, die Lebensadern des Watts, unzählige Kanäle, durch die sich das Wasser bei Ebbe und Flut seinen Weg sucht, manchmal nur winzige Rinnsale, manchmal aber tiefe Gräben, in denen man fast versinken kann. Wie nun nimmt man von dieser deutschen Landschaft auf Zeit Besitz? Ganz einfach: durch Wandern. Eines der größten zusammenhängenden Wandergebiete der Bundesrepublik liegt weder im Schwarzwald noch in der Lüneburger Heide, sondern direkt vor Cuxhaven: Dort ist das Watt 20 Kilometer lang und bis zu acht Kilometer breit. Bis zur elf Kilometer entfernten Insel Neuwerk mit ihrem über 650 Jahre alten Leuchtturm kann man darüber hinweglaufen und dann nach dem Eintreten der Flut mit dem Schiff, das die tägliche Post nach dem Eiland bringt, zurückfahren. Elf Kilometer auf bloßen Füßen? Es ist ohne weiteres möglich, wenngleich auch das Wattwandern Vergnügen bereiten und nicht zur Gewalttour ausarten sollte. Das Waschbrettmuster des jodhaltigen Schlicks massiert und durchblutet die Füße derartig, daß sich keine Ermüdungserscheinungen zeigen. Schon im Jahre 50 v. Chr. verordnete ein griechischer Arzt Waten mit nassen Füßen im Sand, und der Kaiser Augustus soll von seinem Leibarzt auf dieselbe Weise kuriert worden sein. Denn zum Boden tritt als Heilfaktor die Luft, die durch das zurückgebliebene, verdunstete Meerwasser würziger als am Strand oder an einer Saline ist und das Watt zu einem einzigen großen Inhalatorium macht. Auch die ultraviolette Sonnenwirkung ist hier durch die Rückstrahlung des feuchten Bodens intensiver und, da der Wattgrund Wärme speichert und später wieder abgibt, sogar an Tagen mit bedecktem Himmel spürbar, wie bei solchem Wetter auch die Temperatur ein bis zwei Grad höher ist als auf dem nahen Festland. So kann man auch bei Temperaturen Wattwandern, die das Baden im Meer nicht zulassen, ja, ich bin schon mit aufgespanntem Regenschirm einhergezogen. Lange vor dem Bau von Meerwasser-Hallenschwimmbädern und Kurmittelhäusern hat das Watt dazu beigetragen, die Saison an der deutschen Nordseeküste ins Frühjahr und in den Herbst hinein zu verlängern. Und auch das habe ich im Watt beobachtet: Nonnen, die sich der gemeinen Öffentlichkeit wohl nicht im Bikini zeigen dürfen, genossen mit bloßen Füßen und züchtig geschürztem Rock in der Landschaft auf Zeit die Wonnen, die unsere Nordseeküste schenkt. Sie schenkt ein Heilmittel für den Kreislauf und die Atmungsorgane, gegen Nervosität, Schlaf- und Appetitlosigkeit und sogar gegen hartnäckige Ekzeme. weiter lesen
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