Die Natur fragt nicht, wann und woher ein bestimmter Schadstoff kommt, sie reagiert nur darauf, und das tut sie kompromisslos. Und wenn Politiker und Industrie in diesem Stil weitermachen, dann sind die Küstenzonen der Nordsee vom Aussterben bedroht. Wie langsam Reaktionen selbst auf Umweltstörungen mit katastrophalen Folgen eintreten, zeigt noch einmal das Beispiel der Quecksilbervergiftungen in der japanischen Minamata-Bucht. 17 Jahre vergingen zwischen dem Zeitpunkt, an dem zuerst quecksilberhaltiges Abwasser in die Bucht eingeleitet wurde, und der Beobachtung neurologischer Störungen bei den Opfern. Weitere drei Jahre verstrichen, bevor das Quecksilber als Krankheitsursache identifiziert wurde, und noch einmal 14 Jahre vergingen, bis das Chemiewerk für verantwortlich erklärt und dazu verurteilt wurde, den Opfern und ihren Familien Schadenersatz zu leisten. Etliche Jahre werden noch vergehen, bis alle Folgeerscheinungen dieser Vergiftung beseitigt sein werden, falls das überhaupt möglich ist. Wenn Massnahmen gegen eine derartige Umweltvergiftung erst Jahrzehnte später erfolgen, wie lange wird es dann dauern, bis die Nationen der Welt reagieren, wenn festgestellt würde, dass sich die Weltmeere langsam zu Müllkippen entwickelten? Das Problem liegt gar nicht so sehr bei den Dünnsäure- oder Klärschlammverklappungen, die ohnehin entweder schon einge-stellt sind oder in einigen Jahren verschwunden sein werden. Das Hauptproblem sind die industriebesiedelten Flüsse, die immense Mengen an Schadstoffen in die Nordsee hereintragen. Die Flüsse können nicht gerettet werden, solange eine Partei die Schuld auf die andere schiebt. Das geschieht am Rhein, das geschieht an der Elbe, es geschieht einfach überall. Die Industrie arbeitet nach eigenen Angaben perfekt sauber und bekennt sich nicht schuldig. Im Zweifelsfall ist es für die Elbe die DDR oder die Tschechoslowakei, die für die Schadstoffbelastung verantwortlich sind. Auf dem Rhein sind es die Holländer und die Franzosen, die wiederum sagen, es seien die Deutschen, die den Rhein verdrekken. Jeder schiebt die Schuld auf den anderen, und was dabei auf der Strecke bleibt, ist das eigentliche Opfer, der Fluss und schliesslich die Nordsee. Eine andere enorme Bedrohung der Nordsee-Natur ist natürlich die ständig wachsende Gefahr einer Tankerkatastrophe. Man kann dieses Spiel nicht beliebig lange fortsetzen. Irgend- wann ist der Zeitpunkt erreicht, wo das Meer umkippt und alles Leben erstirbt. Wenn der Anfang dazu gemacht ist, wenn also das Leben auf, in und über dem Meer rapide zurückgeht, dann ist wahrscheinlich nichts mehr zu retten. Umweltschutz kostet Geld. Und wenn sich die europäischen Nordseeanrainerstaaten noch in einer Phase ökonomischer Pro- sperität befunden hätten, wie beispielsweise Anfang der siebziger Jahre, dann hätte man zumindest theoretisch in den Umweltschutz investieren und einiges verhindern können — ein gewisses Bewusstsein, das damals noch lange nicht entwickelt war, wie es heute ist, vorausgesetzt. In einer Zeit grosser Etatkürzungen und Haushaltsdefizite aber rangiert der Umweltschutz hintenan. Es ist die Grundhaltung des Menschen, die die Natur so sehr bedroht. Wir müssen nicht versuchen, uns gegenseitig zu betrügen. Wenn eine Chemiefabrik sagt, dass ihre Abwässer nicht meerwasserbelastend sind und das auch anhand von Gutachten belegen kann, so hat sie für ihren kleinen Teilbereich gewiss recht. Eine andere Fabrik sagt das gleiche, und genauso noch etliche andere. Und in der Tat sind ihre Schadstoffe, isoliert

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.