Die Antwort auf diese Frage kann weder ein klares Ja noch ein klares Nein enthalten. Zu viele verschiedene Komponenten spielen eine Rolle, als dass man sagen könnte, wie viele Schadstoffe die Nordsee noch verkraften kann. Fest steht, dass die Nordsee das fischreichste Meer der Erde ist, gleichzeitig aber von sieben hochindustrialisierten Nationen umsäumt wird, die die Nordsee alle in mehr oder weniger grossem Umfang als »Müllkippe« benutzen. Ausserdem führt der meistbefahrene Schiffahrtsweg der Welt über die Nordsee von Dover bis zur Elbmündung. Darüber hinaus ist nahezu die gesamte Fläche der Nordsee ein riesiges Industriegebiet für die untermeerische Erdölförderung. Die Bohr- und Förderplattformen stehen im Englischen Kanal, vor der britischen und der niederländischen Küste bis hinauf zum nördlichen Ausgang der Nordsee zwischen den Shetland-Inseln und Norwegen.
Mindestens der Bereich der südlichen Nordsee muss zudem fast als Binnenmeer angesehen werden. Die Öffnung nach Süden zum Englischen Kanal ist relativ klein, und der Wasseraustausch in den südlichen Gebieten durch den Kanal ist sehr viel geringer als durch die Norwegische Rinne, wo dem Nordseewasser frisches Atlantikwasser zugeführt wird. über den Nordausgang der Nordsee, durch die Norwegische Rinne und durch den Fair Isle Current zwischen Schottland und den Shetland-Inseln gelangt jährlich etwa eine Menge von 60 000 Kubikkilometern frisches Atlantikwasser in das Nordseewasser. Allerdings steht hiervon nicht die Gesamtmenge für den Wasseraustausch der Nordsee zur Verfügung, da diesen Strömungen etwa 500 Kubikkilometer Ostseewasser beigemischt werden und sie zum Teil die Nordsee entlang der norwegischen Küste wieder verlassen. Demgegen- über fliesst durch den Englischen Kanal nur etwa eine Menge von 3400 Kubikkilometern zu. Ausserdem nimmt der Grad der Industrialisierung von Norden nach Süden zu. Ist der relativ grossflächige Bereich der nördlichen Nordsee nur von dem Anrainerstaat Norwegen betroffen, so sind es im mittleren und südlichen Bereich alle sechs übrigen Anliegerstaaten Frankreich, Belgien, Grossbritannien, die Niederlande, die Bundesrepublik Deutschland und Dänemark, die die Nordsee als Abfalldeponie benutzen. In der südlichen Nordsee liegen die Verklappungs- und die Verbrennungsgebiete, und vor allem münden sämtliche Industrieflüsse, der Rhein, die Ems, die Jade, die Weser, die Elbe und die Themse mit einer enormen Schmutzwasserfracht in diesen Bereich der Nordsee. Hinzu kommt, dass der vertikale Wasseraustausch, die Durchmischung des Nordseewassers vom Meeresboden bis zur Wasser- oberfläche durch Salzgehaltschwankungen und Temperaturun- terschiede erheblich eingeschränkt wird. Das wirkt sich gerade in dem besonders belasteten Gebiet im Süden, wo auch der horizontale Wasseraustausch nicht sehr gross ist, ausserordentlich negativ aus. Denn: Geringer Wasseraustausch bedeutet geringe Durchmischung, Verteilung und Verdünnung von eingebrachten Schadstoffen. Berechnungen über die Zeit, die ein Wasserkörper der Nordsee braucht, um durch Strömungen die Nordsee wieder zu verlassen, sind ungeheuer schwierig. Rein rechnerisch ergibt sich bei den gemessenen zufliessenden Wassermengen und bei einem Gesamt- wasservolumen von 43 000 Kubikkilometern eine Verweildauer von etwas über einem halben Jahr. Diese Zeitangabe ist jedoch unrealistisch, da in bestimmten Teilen der Nordsee, zum Beispiel in der Deutschen Bucht um Helgoland, ein Wasserkörper sehr viel länger, mindestens einige Jahre benötigt, um die Nordsee wieder zu verlassen. Das bedeutet, dass Wasserteile, die an der Küste mit Schadstoffen belastet werden, die grösste Verweildauer aufweisen. Hinzu kommt, dass sowohl an der britischen als auch an der kontinentalen Küste verschmutzte Wasserteile vorzugsweise entlang der Küste bewegt werden, dass also auch der Wasseraustausch von den stark beschmutzten Küstenregionen zur Mitte der Nordsee noch erschwert wird. Dies ist besonders wichtig im Hinblick darauf, dass der Küstenstreifen die »Kinder- stube« von fast allen Nordseefischen ist.

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