Ein weiterer Störfaktor für die Vogelwelt ist der Flugverkehr. Es spielt dabei keine Rolle, ob es die private oder die militärische Fliegerei ist. Beide Bereiche haben in der letzten Zeit erheblich zugenommen. Mehrmals am Tage hört man das penetrante Heulen eines herannahenden Düsenjägers, bevor man ihn überhaupt erkennen kann. Donnert er dann mit ohrenbetäubendem Krach im Tiefflug über das Wattgebiet, gehört es schon zum gewohnten Bild, dass grosse Vögelschwärme, die auf dem Wattboden nisten, durch den Fluglärm aufgeschreckt werden. Auch die zivile Luftfahrt, und hier hauptsächlich die kleineren Sportmaschinen, nehmen oft wenig Rücksicht auf die als Luftsperrgebiet ausgewiesenen Naturschutzgebiete. Oft gehen sie zudem noch unter die minimale Flughöhe von 500 Fuss (150 Meter), um den herrlichen Blick auf das Wattgebiet zu geniessen. Bei den relativ langsam fliegenden Sportflugzeugen ist es dann auch ziemlich einfach, die Registriernummer zu erkennen und sie zur Rechenschaft zu ziehen. Das ist bei Überschallflugzeugen natürlich nicht möglich. Aber die Luftwaffe ist bei diesen Fragen zumeist einsichtig und unterlässt Übungsflüge über den gefährdeten Gebieten, jedenfalls zur Brutzeit. Hinzu kommt als Störfaktor noch das Marine-Schiessgebiet in der Meldorfer Bucht. Dort wird fast täglich geschossen. Da diese Gegend jedoch nicht als Naturschutzgebiet ausgewiesen ist, kann man gegen die Schiessübungen wenig unternehmen. Strandläufer, Ringelgänse und Graugänse schrecken jedesmal von neuem auf und gehen buchstäblich »in die Luft«, wenn in der .Meldorfer Bucht die Schüsse fallen, oder wenn ein Düsenjäger selbst in einem Abstand von einigen Kilometern über das Watt heult. Obwohl der Vogelbestand, von einigen Ausnahmen abgesehen, an der Küste grundsätzlich nicht abnimmt, haben die Vogelschützer grosse Sorgen. Es ist inzwischen erwiesen, dass die Meeresvögel mit Pestiziden und Schwermetallen stark belastet sind. Eine sichtbare Wirkung dieser Schadstoffe ist bisher allerdings noch nicht eingetreten. Wenn diese Wirkung aber eintreten sollte, dann ist es bereits zu spät. Die Glaubwürdigkeit ihrer Argumente ist für die Vogelschützer das grösste Problem. Viele Menschen nehmen ihnen nur dann ihre Erkenntnisse ab, wenn sie genau nachweisen können, dass durch diese oder jene Umstände von einer bestimmten Vogelart 1000 Tiere umgekommen sind. Das aber ist, ebenso wie bei den Fischkrankheiten, kaum möglich, da zu viele verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Sicher ist, dass die Vögel auf jeden Fall Schäden durch im Meer enthaltene Giftstoffe davontragen. Wie und wann sie zum Ausbruch kommen, kann bisher niemand sagen. Ist erst einmal eine Vogelart vom Aussterben bedroht, wird eine Rettung kaum noch möglich sein, da die Lebensbedingungen für diese Tiere nicht von heute auf morgen schlagartig zu verbessern sind. Ähnlich verhält es sich mit den Verlusten durch eine kleinere Ölpest. Jedes Jahr wird eine Unzahl verölter Seevögel angetrieben, ohne dass dies bisher zu einer deutlichen Verringerung der Bestände geführt hätte. Es kann auch hier so sein, dass ganz plötzlich, sei es durch eine akute Tankerkatastrophe, sei es durch langfristige Verschmutzungsauswirkungen, der Bestand »umkippt« und auf Dauer nicht mehr existieren kann. Diese langfristige Schädigung liegt sehr nahe, da zum Beispiel die Trottellumme über 40 Jahre alt werden kann. Solange nämlich noch genügend gesunde Altvögel vorhanden sind, wird auch noch ausreichend gesunder Nachwuchs auf die Welt gebracht. Diese Tiere aber finden schon von Geburt an eine schlechte Nahrungsqualität vor, ohne dass es möglicherweise auch hier zu sichtbaren Schädigungen führen muss. Das »Umkippen« kann sich erst in der vierten oder fünften Generation einstellen, oder noch später.