An unseren Nordsee-Küstengebieten findet stellenweise ein recht erheblicher Interessenkonflikt zwischen Tier und Mensch statt: Einerseits besteht kein Zweifel daran, daß die See- und Küstenvögel durch die mannigfache Bedrohung, die immer schlechter werdende Qualität ihrer Nahrung und durch die Einengung ihrer Brutplätze, z. B. durch Eindeichung, vom Menschen jeden nur möglichen Schutz verdienen. Andererseits steht natürlich den Menschen das Recht zu, in diesen Regionen Erholung und Entspannung zu suchen. Wer einmal mit einem Sportboot an der Nordseeküste Urlaub gemacht hat, mit einer Segelyacht zwischen den Nord-, Ost- und Westfriesischen Inseln umhergekreuzt ist, der weiß, welch eine einmalig schöne Landschaft hier anzutreffen ist, welch eine Idylle die zahllosen kleinen Häfen zu bieten haben und welchen enormen Erholungswert diese Küstengebiete besitzen.
Die menschenscheuen Vögel weichen immer mehr vor dem in der letzten Zeit gewaltig angewachsenen Tourismus an der deutschen Nordseeküste zurück. Spaziergänger mit Hunden, Reiter und auch Wanderer haben bewirkt, daß die Vögel in einigen Gebieten überhaupt nicht mehr zur Ruhe gekommen sind. Sie haben dann diese Unruhegebiete verlassen, ganz besonders zur Brutzeit. Haben sich die Vögel erst einmal aus einem Gebiet zurückgezogen, weil es dort zu unruhig war, dauert es manchmal Jahre, bis sie zögernd wieder Platz greifen, aber auch nur dann, wenn dort wieder absolute Stille herrscht. Segler und Motorbootfahrer sind, wie Fußgänger und Autos, auf ihre Wege, auf das Fahrwasser und die Priele angewiesen. Die ständig zunehmende Gemeinde der Windsurfer gelangt jedoch mit ihren Brettern selbst in die entlegensten Winkel der Wattgebiete. Sie sind damit für die Vögel zu einem zunehmenden Beunruhigungsfaktor geworden. Mit ihren flachen Brettern rutschen sie an jede Sand- und Schilfbank heran und stören damit vor allem die brütenden Vögel.
Verglichen mit dem, was den Vögeln früher an Raum zur Verfügung stand, sind die heute ausgewiesenen Naturschutzgebiete verschwindend klein. Außerdem sind diese verbliebenen Reservate durch die Wirkung des Küstentourismus so stark belastet, daß sie sehr an Wert verloren haben. Es ist deutlich festzustellen, daß der Bestand an Vögeln durch Verlust an Lebensraum abgenommen hat, sowohl direkt durch Bebauung als auch indirekt durch die Auswirkungen des Tourismus. Dazu Dr. Vauk: »Diesen Interessenkonflikt wird kein vernünftiger Naturschützer leugnen. Das Problem liegt auch nicht darin, daß Vögel verschwunden sind, das ist für mich als Biologe zweitrangig. Man muß da unterscheiden zwischen dem rein emotionalen Vogelschutz und dem wissenschaftlich gelenkten Vogelschutz. Wir gehen davon aus, daß der Erholungswert stark sinkt wenn ein bestimmter Küstenstrich so bebaut wird, daß kein natürlicher Lebensraum mehr vorhanden ist. Dann können die Leute auch gleich zu Hause bleiben. Ob sie in einer Betonburg in Hamburg auf dem Balkon sitzen oder an der Nordsee, das ist egal.« Daß wir heute nicht mehr davon ausgehen können, daß wir die Natur für den Menschen schützen, sondern in vielen Gebieten die Natur vor dem Menschen schützen müssen, ist für Dr. Vauk eine der fraglichen »Errungenschaften« moderner Industriegesellschaften. Wörtlich: »Natürlich versuchen wir, den Menschen in die Natur mit einzubeziehen und mit einer gewissen Einsicht des Menschen geht das auch. Ich denke da beispielsweise an den Hauke-Haien-Koog in Nordfriesland, den wir betreuen: Die Straße und der Deich bleiben dort frei begehbar, von dort können sie alles sehen. Und wenn die Menschen mit dem Auto kommen und sich auf die vorgesehenen Parkplätze stellen und nicht ans dem Auto aussteigen und keinen Lärm machen, dann wandern die Graugänse fünf Meter vor ihrem Auto entlang. Dann gibt es natürlich noch Gebiete, für die man ein absolutes Verbot erlassen muß, die niemand mehr betreten darf. Das ist notwendig, um überhaupt noch irgend etwas zu erhalten. Denn eine Küste ganz ohne Vögel würde den Erholungswert erheblich herabsetzen. Als Beispiel möchte ich Helgoland anführen.