Es gibt drei verschiedene Kategorien von Vögeln, die die Nordsee als Lebensraum benutzen: Brutvögel, die den Sommer an der Nordseeküste verbringen, durchziehende Seevögel, die nur eine relativ kurze Zeit im Nordseeraum verweilen, und Wintergäste, die in der kalten Jahreszeit in den gemäßigten Breiten der Nordsee bleiben, zum Frühjahr aber wieder in die nördlicheren Gefilde übersiedeln. Der bekannteste Küstenbrutvogel ist die Seeschwalbe, zu den Seebrutvögeln zählen die Trottellumme und die Dreizehenmöwe, die ihr ganzes Leben auf der hohen See verbringen und nur zur Brutzeit an die Küste kommen. Sie tauchen im März auf und sind im August wieder verschwunden. Eine besondere Bedrohung dieser ständig mit Wasser in Berührung stehenden Tiere ist das Öl. Regelmäßig wird eine Anzahl toter Seevögel an unseren Stränden angetrieben, deren Gefieder eine deutliche Sprache über deren Todesursache spricht: Ölflekken zwischen den Federn. Öl bedroht die Vogelwelt auf zwei Arten. Durch eine akute Ölpest und durch die schleichende Ölpest. Kommt es vor unseren Küsten zu einer akuten Ölkatastrophe, wie in dem geschilderten Fall der BABYLON, dann sind alle Vögel, die sich zu dieser Zeit in dem betroffenen Gebiet aufgehalten haben, dem sicheren Tod ausgeliefert. Passiert dieser Ölunfall zudem noch während der Brutzeit, dann ist auch die kommende Generation ausgelöscht. Die Tiere kommen mit dem Ölfilm in Berührung, ihr Gefieder verklebt, sie werden flugunfähig und ertrinken im Öl oder erleiden einen qualvollen Tod am Strand. Eine akute Ölpest vernichtet aber nicht nur die Tiere, die sich zur Unfallzeit in den befallenen Zonen aufgehalten haben. Brutvö- gel, die vielleicht ein halbes Jahr später, wenn die Primärschäden der Ölpest abgeklungen sind, ins Wattenmeer kommen, fänden dort keine Nahrung mehr vor, da die Wattwürmer und Muscheln, die unzähligen Klein- und Kleinstlebewesen, die ihre Lebensgrundlage bilden, durch das Öl abgestorben wären. Die Tiere müßten dann in andere Gebiete ausweichen, und wenn diese nicht vorhanden sind, oder das Nahrungsangebot in den vom Öl verschont gebliebenen Gebieten nicht für alle ausreicht, werden viele von ihnen sterben. Schätzungen zufolge sind bei dem Tankerunglück der AMOCO CADIZ vor der französischen Bre- tagneküste etwa 20 000 Seevögel umgekommen. Die schleichende Ölpest, hervorgerufen durch dauernde kleinere Verölungen auf dem Wasser, wie sie laufend vorkommen, ist meistens das Ergebnis von bewußter Umweltverschmutzung. Ins Wasser gelassenes Altöl oder Rückstände von Tankreinigungen der Schiffe bilden an vielen Stellen auf dem Meer mal größere, mal kleinere Ölflecken. Diese Verschmutzungen stellen für die Seevögel eine besondere Gefahr dar, da sie diese Öllachen möglicherweise (genaue Erkenntnisse darüber gibt es nicht) geradezu ansteuern, denn das Wasser ist an diesen Stellen besonders ruhig. Öl auf dem Wasser bewirkt immer, daß sich die Wellen glätten und sich kaum oder keine Schaumkronen bilden. Immer wieder gehen die Vögel hinunter, um sich auszuruhen oder um Nahrung aufzunehmen. Und immer wieder treffen sie dabei auf treibende Ölfilme. Dabei passiert es dann: Teile des Ölflecks bleiben im Gefieder hängen. Ein Vogel, der mit dem Stoff in Berührung kommt, der für ihn »Schmutz« ist, sei es nun Öl oder irgend etwas anderes, wird, seinem angeborenen Verhalten entsprechend, sofort begin- nen, sich zu putzen. Es ist dabei unwichtig, wo er sich verschmutzt hat, ob auf See oder am Strand. Jetzt laufen zwei Prozesse ab: Einerseits gelangt das Öl beim Putzen mit dem Schnabel durch Herunterschlucken in den Magen- und Darmtrakt und führt dort zu Entzündungen. Dadurch wird die Verdauungsfähigkeit gestört. Andererseits verliert der Vogel an der Stelle des Gefieders, an der das Öl klebt oder geklebt hat, seine Schutzschicht gegen das kalte Seewasser. Das Gefieder der See- und Küstenvögel ist mit einer Fettschicht überzogen, die das Wasser daran hindert, an die Haut des Tieres zu gelangen. Das kalte Seewasser kann jetzt also an die Haut dringen und zehrt an der Körperwärme. Das führt zu einem erhöhten Stoffwechsel, Fettreserven werden aufgebraucht. Nach kurzer Zeit wird auch die Muskulatur schwach. Die Nahrungsaufnahme ist ohnehin durch die erkrankten Verdauungsorgane gestört, hinzu kommt jetzt noch die körperliche Schwächung des Tieres, so daß es nun auch physisch nicht mehr in der Lage ist, Fische zu fangen. Der Vogel ist todgeweiht — und zwar seit dem Zeitpunkt, an dem er zum ersten Mal mit dem Öl in Berührung gekommen ist.