Wenn man diese Entwicklung ins Extrem verfolgen würde, dann sähe es bald so aus: Diese Flachbereiche, in denen sich kleine Sinkstoffe ablagern können, die wattbildenden Bereiche also, werden immer kleiner zugunsten der tiefer liegenden Bereiche, in denen dieser biologische Abbau ja gerade nicht mehr so stattfinden kann. Im Endeffekt ist dann, sehr überspitzt ausgedrückt, ein Zustand erreicht wie bei einer Steilküste. Das heißt, wir haben die Deichlinie, und unmittelbar davor geht es steil hinunter in die tieferen Bereiche der Küste, die nicht mehr trockenfallen können. Die besondere Funktion des Wattenmeeres ist gerade durch die große Fläche gekennzeichnet. Die Bioproduktion ist eine Funktion der Fläche, der Gesamtfläche des Wattenmeeres. Der Abbau der organischen Substanzen, den man auch als Klärfunktion des Wattenmeeres bezeichnen kann, wenigstens bezogen auf die organischen Bestandteile nicht auf die giftigen Industrieabwässer oder ausgelaufenes Öl, wird natürlich sehr stark eingeschränkt. Denn die Klärfunktion ist ebenfalls ein Bestandteil der Fläche. Holländische Wissenschaftler haben ausgerechnet, daß ein Hektar Wattenmeer eine Reinigungskapazität von etwa 600 Einwohneräquivalenten hat, das bedeutet, daß ein Hektar Watt die Reinigungskapazität von einem Klärwerk für 600 Menschen besitzt. Diese hohe Reinigungskapazität beschränkt sich aber auf den Abbau von organischen Stoffen. Wenn nun die Eindeichung der Nordstrander Bucht so vollzogen wird wie ursprünglich geplant, man nennt das die »Große Lösung«, dann bedeutete das einen Verlust an Klärkapazität von 3,5 Millionen Einwohneräquivalenten, das wiederum heißt: Verlust eines Klärwerkes für Großstädte wie Hamburg und München zusammengerechnet. Es sind natürlich Werte, die nicht genau sein können, weil eine einheitliche Wattfläche zugrundegelegt wurde, es gibt dort auch tiefere Gebiete, die keine so große Klärwirkung besitzen, aber trotz allem bedeutet eine derartige Eindeichung einen gefährlichen Eingriff in die Natur. Andererseits ist die Eindeichung ein wichtiger Beitrag zum Küstenschutz. Der Schutz der Menschen gegen die Sturmfluten beispielsweise ist natürlich notwendig, das steht außerhalb jeder Diskussion. Die Frage ist nur, wie man diesen Schutz erreicht, und wie man bei einer optimalen Küstensicherung gleichzeitig die Wattgebiete erhalten kann. Das geht nur, bezogen auf die Eindeichungsplanungen der Nordstrander Bucht, durch Erhöhung der bestehenden Deiche in Verbindung mit einem Sicherungsdamm nach Pellworm, der die örtlichen Ströme regelt und dadurch die Abspülung und Abtragung der Inseln und Halligen verhindert. An der Universität Hamburg ist kürzlich eine Untersuchung abgeschlossen worden, nach der die Eindeichung, selbst wenn sie nicht nach der »Großen Lösung«, sondern nach der »Kleinen Lösung« vollzogen werden würde, die immer noch etwa zwei Drittel der »Großen Lösung« ausmacht, sogar negative Effekte haben würde. Und zwar insofern, als höhere Strömungsgeschwindigkeiten zu erwarten sind und für Husum mit etwa zehn Zentimeter höheren Regelwasserständen zu rechnen wäre. Das sind ganz besonders große Gefährdungen, die dort durch die vermeintlich positive Wirkung dieser Vordeichung eintreten. Zur Überlebenschance des Wattenmeeres meint Rolf Wandschneider von der »Schutzgemeinschaft Nordseewatten« : »Ob das Wattenmeer in absehbarer Zeit überleben kann, wenn die Entwicklung so wie bisher weitergeht, ist sehr schwer zu beantworten. Man kann wohl nicht davon ausgehen, daß sich in der nächsten Zeit etwas grundlegend ändern wird, vor allem nicht die Anschauungen unserer Wachstumsgesellschaft, wo immer Industrie und Arbeitsplätze in den Vordergrund gestellt werden. Arbeitsplätze zu unrecht, weil durch diese Industrie praktisch keine zusätzlichen Arbeitsplätze geschaffen werden. Die Bedrohung gerade durch Einleitung von Schadstoffen und giftigen Abwässern, von Klärschlämmen, ist sehr groß, und es ist im Augenblick nicht abzusehen, wann eine Änderung der Anschauung stattfinden wird. Zwar ist die Klärschlammverklappung der Stadt Hamburg in der Elbmündung und in der Nähe von Helgoland vorläufig gestoppt worden. Das aber war ein dringender Schritt, denn die Fische haben gerade in diesem Verklappungsgebiet erhebliche und zum Teil sogar eindeutig nachweisbare Schäden davongetragen.