Immer wieder haben in der Geschichte der Menschheit an der Nordsee verheerende Sturmfluten, sogenannte Jahrhundertflu- ten, schwere Schäden an der Küste angerichtet, oftmals verbunden mit zahlreichen Menschenopfern. Der Kampf des Menschen gegen die Naturgewalten wurde und wird heute vielfach noch als kulturhistorischer Grund für Eindeichungsmaßnahmen und Landgewinnung angeführt. Ökologische Gesichtspunkte sind dabei bisher kaum berücksichtigt worden. Früher bewegten sich die einzelnen Eindeichungsprojekte zwischen 100 und 1000 Hektar. In der jüngsten Vergangenheit jedoch haben diese Eindeichungsmaßnahmen gigantische Ausmaße angenommen: Vom Ijsselmeer wurden beispielsweise 166 000 Hektar Land eingedeicht, weitere 60 000 Hektar werden folgen. Auch an der bundesdeutschen Küste gibt es gravierende Eindeichungspläne, das größte Projekt ist das der Nordstrander Bucht mit 5600 Hektar. In früheren Jahrhunderten glichen die Eindeichungen ungefähr den jährlichen Zuwachs an Schlickgebieten und Salzwiesen aus, so daß der Bestand dieser hochwertigen Gebiete nicht gefährdet war. Seit jedoch die Landgewinnung derartige Ausmaße angenommen hat, ist der Bestand des Wattenmeeres erheblich gefährdet. Durch Vordeichungen sind die Schlickgebiete und die Salzwiesen in ganz besonderem Maße betroffen, da sie auf dem Verbindungsstreifen zwischen Land und Wattenmeer liegen. Und gerade hier befindet sich der Lebensraum für seltene, für die Erhaltung eines Ökosystems wie das Wattenmeer ungeheuer wichtige Arten. Einerseits sind die ökologisch gesehen sehr fragwürdigen Maß- nahmen der Vordeichung und Landgewinnung viel leichter zu bekämpfen als beispielsweise die Verschmutzung der Nordsee, weil hier direkt in die Planung eingegriffen und Hebel angesetzt werden können, die Eindeichung dort, wo sie absolut schädlich für die Erhaltung des Wattenmeeres ist, zu verhindern. Andererseits stellen vollzogene Eindeichungen aber eine irreversible Schädigung dar, denn die Gebiete, die eingedeicht worden sind, gehen dem Wattenmeer ein für allemal verloren. Selbst wenn diese Gebiete, wie es in der Nordstrander Bucht vorgesehen ist, teilweise von Salzwasser überflutet bleiben, allerdings mit einem sehr geringen Wasseraustausch, steht diese Maßnahme in keinem Verhältnis zu der ursprünglichen Situation. Man kann dies nur als Hilfsmaßnahme ansehen, die keineswegs den Verlust an Salzwiesen und Schlickstreifen wiedergutmacht. Und wenn diese ökologisch wertvollen Gebiete aus dem dynamischen Gefüge Wattenmeer herausgetrennt werden, dann hat das zur Folge, daß gewisse Arten hier ihre Nahrung nicht mehr finden könnten, die Nahrungskette wäre unterbrochen. Wenn jetzt vor den neuen Deichen wieder durch intensive Vorlandarbeiten Schlickwatten entstehen und schließlich auch Salzwiesen, dann geht das trotzdem auf Kosten des Gesamtwattenmeeres. Denn das Wattenmeer ist in seiner Fläche nicht vermehrbar. Das heißt: Wenn etwas abgedeicht ist, dann ist es für immer verloren.Die Fläche des Wattenmeeres wird durch Eindeichung also immer mehr verkleinert. Und besonders das Nordfriesische Wattenmeer, das durch seine Struktur besonders wertvoll ist, weil es tief gestaffelt und durch die vielen Inseln zergliedert ist und dadurch sehr viele Möglichkeiten zur Schlickwattbildung enthält, wird schon durch natürliche Prozesse immer kleiner. Denn die Sände, die auf der Linie Sylt — Eiderstedt/St. Peter liegen, wandern kontinuierlich nach Osten. Und zwar in einer relativ hohen Geschwindigkeit von jährlich etwa 20 Metern. Wenn der Mensch dann noch mit Eindeichungen in der Gegenrichtung von Ost nach West vorgeht, wird dieser Prozeß der Wattzerstörung ganz erheblich beschleunigt.

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