Die schlickigen Wattgebiete sind ausserordentlich nahrungsreich und bilden die Grundlage für eine einzigartige Organismenstruktur. Die Tiere und Pflanzen, die sich diesem Lebensrhythmus angepasst haben, finden hier ihren »Garten Eden« und können sich optimal entwickeln. Das wiederum führt dazu, dass die Verbraucher solcher Nahrung, wie Vögel, die im Küstenbereich leben, im Wattenmeer einen reich gedeckten Tisch vorfinden. Daher leben im Wattenmeer so unendlich viele Vögel, sei es auf dem Durchzug vom Winterquartier zum Brutgebiet und wieder zurück, oder aber Vögel, die hier brüten und anderswo überwintern, und schliesslich solche, die das ganze Jahr über im Wattenmeer leben. Aber auch für die Fischwelt ist das Wattenmeer die entscheidende Nahrungsquelle. Man spricht vom Watt als der Kinderstube der Fische. Selbst wenn Fische, wie beispielsweise die Scholle oder der Hering, in ganz anderen Gegenden laichen (die Scholle laicht im östlichen Teil des Englischen Kanals und vor der holländischen Küste, der Hering laicht vor der englischen Küste), werden die Eier durch die Meeresströmung verdriftet und landen hier bei uns im Wattenmeer. Von der Scholle wachsen zum Beispiel 90 Prozent aller in der Nordsee vorkommenden Exemplare im Wattenmeer auf und verbringen die ersten Lebensjahre dort. Der Hering wächst zu 40 Prozent im Wattenmeer auf. Dabei ist es nicht wichtig, ob die Gebiete ständig überflutet sind, denn während der Flut gehen die kleinen Fische mit in die höherliegen-den Bereiche, weiden dort die Gebiete ab und ziehen sich dann, bei eintretender Ebbe, wieder in die Priele zurück. Grosse Fische, wie der Kabeljau, die eigentlich gar keine typischen Wattenmeerfische, sondern Meeresfische sind, leben trotzdem zum grossen Teil aus und von dem Wattenmeer. Sie weiden die Grenzen des Wattenmeeres ab und fressen in grossen Mengen die Garnelen (Krabben) und kleinen Fische, die dort leben. Im Wattgebiet der Nordsee zwischen Den Helder und Esbjerg hat sich eine einmalige natürliche Nahrungskette herausgebildet, an deren Ende die Vögel und die Säugetiere, also auch der Mensch, stehen: Kleine Wattwürmer, Muscheln und Krabben ernähren sich von dem reichlich im Watt vorhandenen Pytho- und Zooplankton. Sie sind ihrerseits Nahrungsgrundlage für Krebse und kleine Fische, die wiederum von den Seefischen gefressen werden. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Vernichtung auch nur eines Gliedes dieser Kette entscheidende Auswirkungen auf den gesamten Lebensraum Nordsee und Wattenmeer nach sich zieht. Dazu erklärt Rolf Wandschneider von der »Schutzgemeinschaft Nordseewatten«: »Dieses empfindliche, ökologisch ausgewogene Gebiet des Nordsee-Wattenmeeres ist durch die zunehmende Verschmutzung der Nordsee einer Vielzahl von Gefahren ausge- setzt. Wenn es zu einem Tankerunglück mit Ausfluss von einigen Tausend Tonnen Öl kommt, dann sind es eigentlich drei Komponenten, die entscheidenden Einfluss auf das Leben im Watt besitzen: Erstens unterbindet ein Ölfilm, der das Watten- meer überzieht, jeglichen Gasaustausch zwischen den trockenge- fallenen Gebieten und der Atmosphäre. Ebenso erstickt ein Ölfilm den Gasaustausch zwischen dem Wasser und der Atmo- sphäre, wenn das Öl auf dem Wasser schwimmt. Der zweite Aspekt ist der, dass das Öl sehr giftige Bestandteile enthält, die laut eingehenden Untersuchungen die gesamte Organismenwelt, sowohl Tiere als auch Pflanzen und Algen, die im Wasser leben, töten. Drittens verbraucht der Abbau des Öls im Wasser, der über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte von Bakterien vollzogen wird, Sauerstoff, der den Organismen dann nicht mehr zur Verfügung steht.« »Worin besteht der Unterschied zwischen einem Tankerunglück an der bretonischen Küste (Amoco cADiz) und einem im Wattenmeer?« »Es ist hier mit Sicherheit schlimmer als an der bretonischen Felsküste. Mit Sicherheit. Denn da wird das Öl konzentriert, da kann man es mit einigen Hundertschaften abschöpfen, während im Bereich des Wattenmeeres die Verteilung so ungeheuer gross ist, dass überhaupt gar nichts zu machen ist. Auf dem relativ festen Sandstrand und an der festen Felsenküste kann man das Öl abkratzen, am Strand kann man bis zu einem gewissen Grade Bulldozer einsetzen, und man kann, zwar mit einem enormen Arbeitsaufwand, aber doch mit relativ grossen Erfolgsaussichten, die Ölpest bekämpfen. Hier bei uns sind die Wattgebiete weitgehend noch nicht einmal begehbar, geschweige denn befahr- bar, und eine Ölpest wäre im Bereich des Wattenmeeres nicht zu bekämpfen, man müsste es sich selbst und dem natürlichen Abbauprozess überlassen. Das kann mehrere Jahre bis zu Jahrzehnten dauern, abgesehen davon, dass in dem verölten Gebiet sämtliches Leben ausgelöscht wäre.« Der Nachweis der Schädigung von Meeresorganismen durch Öl ist direkt nach einem Tankerunglück gut belegbar, weil die Schäden sofort auftreten. Es findet im allgemeinen ein katastrophales Sterben statt. Nach einigen Tagen ist diese Phase jedoch abgeschlossen, dann wird der Nachweis der Ölschädigung schon sehr viel schwieriger. Die Primärschäden kann man durch einfaches Auszählen der Arten vor und nach dem Unfall belegen. Die zweite Phase, in der die Sekundärschäden auftreten, ist für die Organismenwelt von viel grösserer Bedeutung.

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