Ökologisch gesehen gehört die Nordsee zu den produktivsten Meeresgebieten überhaupt. Die gute Nährsalzversorgung bildet die Grundlage für eine enorme pflanzliche und tierische Produktion. Das zeigt sich ganz deutlich an den Fischfangerträgen: Die Nordsee hat bei einem Flächenanteil von 0,002 Prozent der Weltmeere einen Anteil am Weltmeeresfischfang von 4,3 Prozent. Umgerechnet liefert die Nordsee pro Hektar Wasserfläche etwa 50 Kilogramm Fische und Schalentiere, die übrigen Weltmeere nur etwa zwei Kilogramm pro Hektar. Nur der untere Bodensee übertrifft die Fischproduktivität der Nordsee mit 70 Kilogramm pro Hektar. Einen entscheidenden Anteil an diesen hohen Fischerträgen hat das Wattenmeer, dort nämlich wachsen fast alle Nordseefische auf, dort finden die Jungtiere ihre Nahrung, dort befinden sich die Laichplätze von vielen Nordseefischen. Die Wattgebiete der Nordsee sind die grössten zusammenhängenden Wattgebiete der Erde. Sie erstrecken sich vom niederländischen Den Helder bis hinauf nach Esbjerg in Dänemark. Die Hälfte des gesamten Wattenmeeres gehört davon zur Bundesrepublik Deutschland. Es sind die empfindlichsten und störungsanfälligsten Küstenformationen, die es auf der Welt gibt. Extreme Lebensbedingungen und ständige Veränderungen erlauben es nur ganz bestimmten Tierarten, in diesem Gebiet zu leben. Es ist kein besonderer Artenreichtum, der die Nordsee auszeichnet, doch die Tiere und Pflanzen, die dort leben, findet man in ungeheurer Vielzahl. Sieht man bei Ebbe über die endlos scheinenden Wattflächen, kann leicht der Eindruck von Eintönigkeit und Öde entstehen. Dennoch ist im Watt emsiges Leben vorhanden, ohne dass der Beobachter dies von weitem erkennen könnte. Die Wattoberfläche besteht zu 90 Prozent aus Sand und nur zu etwa 2 Prozent aus festem Schlick mit einem Tongehalt von 8 bis 10 Prozent. Diese wertvollen Schlickgebiete, lebensnotwendig für die Fisch- und Vogelwelt, wurden und werden von den Küstenbewohnern bevorzugt trockengelegt und eingedeicht, da aus ihnen der für die Landwirtschaft so ergiebige Boden gewonnen wird.
Wattgebiete gibt es an vielen Stellen der Erde, dort, wo Gezeiten (Ebbe und Flut) herrschen. Das Nordseewatt zeichnet sich gegenüber allen anderen vergleichbaren Gebieten jedoch vor allem dadurch aus, dass es ein zusammenhängendes Wattgebiet ist. Hier hat sich eine besondere Artengemeinschaft herausgebildet, die sich ganz speziell an diese extremen Lebensbedingungen angepasst hat. Da ist einmal der ständige Wechsel von Ebbe und Flut, ein Rhythmus im Sechsstundentakt, der das Leben von Menschen, Tieren und Pflanzen bestimmt. Zum anderen gibt es grosse Temperaturunterschiede und starke Salzgehaltschwankungen. Wenn das Wasser bei Ebbe zurückläuft und die Sonne auf das Watt brennt, verdunstet das Wasser und die Salzkonzentration steigt in diesem Bereich. Oder umgekehrt: Bei Regen etwa süsst das Watt durch die herabfallenden Süsswassertropfen aus. Die im Watt lebenden Organismen haben sich so an ihre Umwelt angepasst, dass es ihnen nicht möglich ist, woanders zu siedeln. Wattenmeer-Tiere könnten zum Beispiel an der bretonischen Felsküste nicht existieren und umgekehrt: Bretonische Küstentiere könnten am Wattenmeer kaum überleben. Oft genug wurde versucht, in den Wattgebieten Austernkulturen, wie man sie z. B. an der Bretagneküste vorfindet, anzusiedeln. Nach einer gewissen Zeit gingen jedoch alle ein. Eine andere Besonderheit sind die speziellen hydrologischen Bedingungen im Watt. Es kommt bei aufgelaufenem Wasser zu einer Uberflutung bis zu einem Höchstwasserstand, dann folgt kurzzeitig ein Strömungsstillstand und danach, mit dem Ebbstrom, ein Abfliessen des Wassers. Dadurch wird eine besonders gute Voraussetzung für das Absetzen, das Sedimentieren von im Wasser schwebenden Teilchen geschaffen. Diese Partikel bestehen zum Teil aus abgestorbenem Plankton oder aus anderswo im Watt aufgewirbelten Teilchen. Bei geringer Wasserbewegung im Schwebezustand gehalten, setzen sich diese Stoffe in den hohen, d. h. landnahen Gebieten ab und bilden dort den Schlick. In den oberen Bereichen des Watts werden die organischen Substanzen angereichert und dort auch durch bakterielle Umsetzung abgebaut. Damit werden sie in den Nahrungskreislauf zurückgeführt.