Obwohl gegenwärtig in die Nordsee von keinem Anrainerstaat Rotschlamm eingebracht wird, bedroht dieser Industrieabfall zumindest potentiell die Nordsee. Zur Zeit wird Rotschlamm auf Landdeponien abgelagert, wenn diese jedoch überfüllt sind, besteht die Gefahr, dass trotz der bisher gemachten negativen Erfahrungen Anträge auf Genehmigung zur Rotschlammverklappung eingehen werden. Rotschlamm ist ein Abfallprodukt, das bei der Aluminiumgewinnung aus Bauxit zurückbleibt. Er fällt in Mengen von einer halben bis einer Tonne pro gewonnener Tonne Aluminium an. Rotschlamm ist stark alkalisch. In zwei Aluminiumwerken an der Unterelbe wird dieses Abfallprodukt produziert.
Vor einigen Jahren beantragte ein Aluminiumwerk vor dem Produktionsbeginn, in der Nordsee jährlich eine Menge von 800 000 Tonnen Rotschlamm verklappen zu dürfen — in Anleh- nung an Praktiken in Frankreich, Grossbritannien (Irische See) und Italien (Adria). Daraufhin wurde 1971 ein Versuch unternommen, der aufzeigen sollte, wie sich Rotschlamm in der Nordsee verhält. 15 000 Tonnen des Abfallproduktes wurden innerhalb von 20 Tagen in einem Seegebiet 90 Seemeilen nördlich von Helgoland im Meer versenkt. Aber statt einer örtlich begrenzten Ablagerung auf dem Meeresboden, wie es zu wünschen gewesen wäre, hatte sich der Rotschlamm nach einer Zeit von nur fünf Wochen auf einem Gebiet von 250 Quadratkilometern ausgebreitet. Ergebnis: In der Nordsee herrschen mit den oft auftretenden starken Winden und dem damit zusammenhängenden Seegang sowie dem Tidenstrom gänzlich andere Bedingungen als in der Adria, wo kaum Strömungsbewegungen vorkommen. In Frankreich wird der Rotschlamm auf einer Tiefe von 2000 Metern in eine unterseeische Felsspalte eingeleitet. Und bevor es in der Irischen See zur Verklappung kommt, ist der Rotschlamm abgelagert, so dass die Restlauge weitgehend abgebaut ist.
Gleichzeitig unternahm man Versuche mit Fischen. Käfige mit Kabeljauen wurden versenkt, einer vier Meter über dem Meeresgrund, ein anderer zehn Meter. Innerhalb des Versuchszeitraumes starben in dem vier Meter über Grund hängenden Korb 59 Prozent der Fische, in dem anderen kamen 14 Prozent der Kabeljaue um. Die Tiere hatten stark mit Rotschlamm verschmierte Kiemen, die sich auch hinterher in sauberem Seewasser nicht reinigten. In einem weiteren Fischkorb, abgesenkt in einem nicht von Rotschlamm belasteten Gebiet, überlebten alle Fische — ein überzeugender Beweis. Der Antrag des Alumiumherstellers wurde nach diesen Erkenntnissen abgelehnt, weil schwerwiegende Folgen für die Fischbestände befürchtet werden mussten, besonders für die am Meeresboden lebenden Plattfische, wie Seezunge, Steinbutt, Scholle, Kliesche, Rotzunge.

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