In den niederländischen Nordseehäfen laden sich nicht nur die erwähnten Säuretanker den Schiffsbauch voll mit chemischen Abfallstoffen zur Verklappung auf See. Eine kleine Flotte von Verbrennungsschiffen fährt hauptsächlich von Rotterdam aus regelmässig auf die Nordsee hinaus und verbrennt chemische Abfälle. Mächtige Schlote auf dem Vor- oder Achterschiff verraten ihren Zweck. Besonders in der pharmazeutischen und chemischen Industrie fallen zunehmend chlorierte Kohlenwasserstoffe als Nebenprodukt an. Zwei Drittel dieser Nebenprodukte können verwertet werden, der Rest ist Abfall. Da dieser Abfall hochgiftig und zudem schwer abbaubar ist, muss bei dessen Beseitigung mit grösster Sorgfalt vorgegangen werden. Drei Verfahren zur Beseitigung werden heute angewendet: Die Lagerung in Unter-TageDeponien, die Verbrennung an Land und die Verbrennung auf See.
Wegen der geringeren Kosten wird zur Zeit überwiegend die Seeverbrennung bevorzugt. Ausserdem dürfen die Verbennungsabgase auf See ungereinigt und ungefiltert in die Atmosphäre steigen. An Land ist dies mit hohen Auflagen verbunden. In Tankschiffen werden die Stoffe den Rhein hinunter nach Rotterdam gebracht und dort in die etwa 1000 BRT grossen Verbrennungstanker umgeladen, die sie auf die offene Nordsee hinausfahren. Dort pumpt man die Giftstoffe aus den Ladetanks in den Verbrennungsofen, wo sie bei einer Flammtemperatur von 1500° Celsius abgefackelt werden. Ursprünglich hatte das Verbrennungsgebiet nur 20 bis 30 Kilometer westlich von Scheveningen gelegen. Beschwerden von Küstenbewohnern, die bei ungünstiger Wetterlage von Giftwolken umnebelt waren, führten jedoch dazu, dass das Gebiet weiter auf See verlegt wurde. Es befindet sich jetzt etwa 130 Kilometer nordwestlich von Den Helder. Im Zeitraum von 1969 bis 1980 wurden auf der Nordsee rund 730 000 Tonnen Chemieabfälle verbrannt (jährlich sind es etwa 80 000 Tonnen). Man kann davon ausgehen, dass die hochchlorierten Kohlenwasserstoffe bei der Verbrennung zu 99,9 Prozent in Chlorwasserstoff, Kohlendioxid und Wasserdampf umgesetzt werden und in die Atmosphäre aufsteigen. Legt man die Zahl von 730 000 Tonnen verbrannter Abfallstoffe zugrunde, bei einer Rate von 0,1 Prozent nicht umgesetzten Giftes, dann sind von 1969 bis 1980 immerhin 730 Tonnen schädliche Chemieabfälle in die Atmosphäre über der südlichen Nordsee aufgestiegen. Die in der Nordsee verbrannten Giftstoffe sind vergleichbar mit denen, die im italienischen Seveso bei einem Gasausbruch schwere Schäden an Mensch und Tier anrichteten. Zweifellos stellen diese in die Atmosphäre geleiteten Stoffe eine Belastung der Nordsee dar, denn mit der Zeit gelangen sie durch Regenfälle und durch den Gas-Flüssigkeitsaustausch ins Meerwasser zurück. An dieser Stelle muss gesagt werden, dass die Metalle in den angegebenen Mengen natürlich für die Industrie bei der derzeitigen Rohstoffverknappung als Menge einen gewissen Wert darstellen, und man könnte sich fragen, warum dann diese Metalle nicht verarbeitet werden. Doch treten die Schwermetalle und die anderen chemischen Elemente in den Abwässern und in dem Verklappungsgut so fein verteilt auf, dass es einfach unmöglich ist, sie aus ihrer Umgebung wieder herauszutrennen oder zufiltern. Es ist nur möglich, diese Stoffe als Bestandteil des Abwassers eindeutig nachzuweisen. Das macht sie andererseits aber auch so gefährlich: Der Nickel- oder Ca€iumstaub schwebt durch die Wasserschichten, zusammen mit den winzigen Planktonteilchen. Dadurch wird dieser Staub, vom Fisch unbemerkt, mit der Nahrung in den Körper und die Verdauungsorgane aufgenommen. Durch das ständige Fressen und Gefressenwerden im Meer bleiben diese schwer abbaubaren Giftstoffe ewig in der Narungskette erhalten und haben nach einer gewissen Zeit sämtliche in der Nordsee lebenden Tiere befallen. Am Ende dieser Kette steht der Mensch, der mit dem Fischgenuss schliesslich seinerseits die giftige Chemie in seinen Körper aufnimmt. Heinz Oestmann, Vorreiter der Bewegung »Rettet die Elbe« und Initiator von verschiedenen Protestaktionen der Elbfischer gegen die zunehmende Belastung der Elbe durch chemische Abfallstoffe, beschrieb das Problem der Schwermetallbelastung der Gewässer so: »Die Schwermetalle und chemischen Schadstoffe, die täglich in unvorstellbaren Mengen in unsere Gewässer geleitet werden, treten erst auf dem Kirchhof aus unserem Nahrungskreislauf heraus, dann nämlich, wenn wir tot und begraben sind.« Bereits im Jahre 1956 gab es in Minamata, einer Kleinstadt in Japan, eine grosse Anzahl von Quecksilbervergiftungen bei den Küstenbewohnern. Ein Teil der einheimischen Bevölkerung lebte vom Fischfang, ein anderer Teil arbeitete in der nahegelegenen Chemiefabrik.

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